Die sieben mageren Jahre kommen

„Wir müssen weg von der Politik der Maximierung des Bruttosozialprodukts hin zu einer Politik der Minimierung der Schulden“ (Tomás Sedlácek)

Die Frankfurter Rundschau hat heute ein sehr lesenswertes Interview mit dem Ökonom und Buchautor Tomás Sedlácek („Die Ökonomie von Gut und Böse“) veröffentlicht:

„Die Verschuldung der USA verbirgt die wahre Lage der USA. Das ist fast noch erschreckender als die Lage selbst.

Aber sollen wir uns nicht verschulden, um die Wirtschaft anzukurbeln?

Diese Keynesianische Idee war völlig richtig. Nur vergisst man seit Jahrzehnten, dass zu dieser Idee auch gehört, dass man spart, wenn es der Wirtschaft gut geht. Jetzt hat man seit Jahrzehnten in den guten und in den schlechten Jahren immer Schulden aufgenommen. Glauben Sie mir: Der Brunnen ist versiegt. Selbst für Deutschland werden die Bedingungen, zu denen es Geld bekommen kann, immer härter. (…)

Was bleibt uns denn noch?

Es gibt noch eine wichtige Quelle des Reichtums: Das ist die Zukunft. Aber für uns wird die Zukunft in erster Linie der Ort sein, an dem wir unsere Schulden bezahlen müssen.

Der Staat kann da nichts tun? Und die Märkte auch nicht?

Wir haben uns daran gewöhnt, Staat und Märkte gegeneinander zu stellen. Aber die Wahrheit ist: Der freie Markt würde zusammenkrachen, wenn der Staat ihm nicht immer wieder Geld zuspritzte. Das haben wir gerade erlebt. Der Unterschied zwischen Griechenland und Deutschland ist nur, dass Deutschland noch genug Geld hat, um seine Banken selbst wieder hochzupäppeln, während Griechenland auf uns alle angewiesen ist. Aber umgekehrt würden natürlich auch die Staaten zusammenbrechen, wenn die Wirtschaft zusammenbräche. Staat und Märkte sind keine Gegner. Sie sind Alliierte. Das sind zwei Drogenabhängige, die sich aneinander festklammern.“

(Zum vollständigen Interview in der Frankfurter Rundschau vom 25.1.12)

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5 Gedanken zu “Die sieben mageren Jahre kommen

  1. redsock 25. Januar 2012 / 11:53

    „Wir haben uns daran gewöhnt, Staat und Märkte gegeneinander zu stellen. Aber die Wahrheit ist: Der freie Markt würde zusammenkrachen, wenn der Staat ihm nicht immer wieder Geld zuspritzte. (…) Aber umgekehrt würden natürlich auch die Staaten zusammenbrechen, wenn die Wirtschaft zusammenbräche. Staat und Märkte sind keine Gegner. Sie sind Alliierte. Das sind zwei Drogenabhängige, die sich aneinander festklammern.“

    Ist das so? Dem ersten Teil stimme ich zu, unsere sogenannten freien Märkte sind auf die permanente Aufsicht und Betreuung des Staates angewiesen. Spätestens seit der Abkühlung der internationalen Konjunktur in den Siebzigern, sind die folgenden Aufschwünge sämtlich auf staatliche Programme zurück zu führen.

    Ich wage jedoch zu bezweifeln, dass der Staat auf die Wirtschaft angewiesen ist. Im Sinne der Subsidiarität sollte sich der Staat nach Möglichkeit aus Einzelentscheidungen heraushalten. Die grundsätzlichen Funktionen kann der Staat aber durchaus übernehmen. Auf jeden Fall besser, als wenn „die Wirtschaft“ staatliche Aufgaben wahrnimmt.

    Diese staatliche Subventionierung stammt zum Teil aus dem Keynesianismus, korrekt. Die Schuldenproblematik ist jedoch neoliberal, so wurden zuletzt staatliche Einnahmen zu Hauf reduziert (Spitzensteuersatz, Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer). Der Keynesianismus also über Bord geworfen.

    Etwas weiterblickend würde ich aber auch die Frage aufwerfen, ob unser System überhaupt ohne Schulden funktionieren kann. Oder andersherum formuliert, kann ich Guthaben haben, wenn niemand anders Schulden hat?

    Aus dieser Frage heraus, müßte man unsere Staatsschulden unter einem anderen Licht sehen. Staatsschulden wären dann der Weg, wie das Geld in unser System hereinkommt und anschließend nurmehr verteilt wird.

    Dann könnte man aber auch fragen, ob das derzeitige System der Staatsschulden mit verbundener Subventionierung der Geschäftsbanken sinnvoll ist. Dann wäre es unter Umständen sinnvoll, die Staaten bekämen selbst das Geldmonopol und würden entsprechend Geld in Umlauf bringen, ohne dass damit in irgendeiner Form Schulden verbunden wären.

    Damit hätte Geld auch an sich keinen Wert mehr, sondern wäre tatsächlich nur noch eine Verrechnungseinheit, x Stunden Arbeit entsprechen y Euro und y Euro entsprechen z Brötchen.

  2. Carmen 25. Januar 2012 / 15:31

    Jetzt mal ganz primitiv aus der Sicht der Nicht-Ökonomin: Es gibt doch einen qualitativen Unterschied zwischen chronischen Staatsschulden und den Schulden eines Unternehmers, der einen Kredit für eine neue Maschine benötigt, wofür die Bank das Ersparte eines Bürgers gegen Provision vermittelt, oder nicht?

    Und diesen Satz verstehe ich auch nicht: „Dann wäre es unter Umständen sinnvoll, die Staaten bekämen selbst das Geldmonopol und würden entsprechend Geld in Umlauf bringen, ohne dass damit in irgendeiner Form Schulden verbunden wären.“

  3. redsock 1. Februar 2012 / 17:17

    @Carmen
    „Das Ersparte eines Bürgers“ ist nicht (mehr) das Rückgrat des Kreditwesens. Banken vergeben Kredite nicht aus den Einlagen Anderer. Vielmehr entsteht der Kreditbetrag aus dem Nichts. Wenn ich einen Kredit von 100.000 Euro von meiner Bank bekomme, wird dieser Betrag meinem Konto einfach gutschrieben. Es muß nicht notwendigerweise entsprechende Einlagen Anderer geben. Sobald der Kredit getilgt ist, verschwinden die 100.000 Euro wieder im Nichts. Der immense Vorteil dieses Systems ist es, schnell viel Geld erschaffen zu können und somit die Realwirtschaft anzukurbeln. Tatsächlich kann man das Wirtschaftswunder der BRD nach 1945 auf zwei Faktoren zurückführen, die Kredite-aus-dem-Nichts und den Marshall-Plan.

    Der Segen ist gleichzeitig auch der Fluch. Denn die aus dem Nichts entstandenen Zinsen stellen Vermögen dar, welches aus dem Nichts in den Wirtschaftskreislauf kommt. Das es dabei nicht um Peanuts geht, verrät ein Blick auf die Entwicklung der Geldmenge M1, die regelmäßig publiziert wird. Tatsächlich hat sich diese Menge in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Die Wirtschaftsleistung, das Einkommen der Menschen, das Bruttoinlandsprodukt, welche Kenngröße man auch dagegen halten möchte, hat sich im gleichen Zeitraum bei weitem nicht so stark vergrößert und könnte diese Zunahme erklären.

    Es ist ja verständlich, private Geschäftsbanken sind privatrechtliche Organisationen, die im herrschenden Kapitalismus vor allem ihrem eigenen Gewinn verpflichtet sind. Daher wird man in Mainhattan, New York und London nicht zuerst auf die Auswirkungen auf die Realwirtschaft blicken, wenn man mit diesem simplen Geschäftsmodell Gewinne erwirtschaftet. Aber das erwirtschaftete Geld muß irgendwo hin. So entstehen zahlreiche Spekulationsblasen, die beim Platzen zu massiven Auswirkungen führen.

    Durch diesen Effekt des Geldschaffens durch Kredite kann eine Wirtschaft extrem schnell wachsen, umgekehrt aber genauso schnell in eine tiefe Rezession stürzen. Dieses Prinzip führt also zu einer Extremisierung des normalen Wirtschaftszyklus. Letztenendes kann es auch zu einem kompletten Erliegen des Wirtschaftskreislaufes kommen.

    Ein mögliches Gegenkonzept wäre, die privatwirtschaftliche Geldschöpfung zu unterbinden. Die Geldmenge wurde nur mehr durch die Zentralbank gesteuert. Diese wiederum legt die Geldmenge (zum Beispiel in Absprache mit dem Staat) fest, in dem sie dem Staat zins- und tilgungslos die entsprechende Menge Geld zur Verfügung stellt. Die Geschäftsbanken könnten weiterhin temporär Kreditgeld schöpfen, müßten aber ihre Zinsgewinne an die Zentralbank weitergeben.

    Somit gäbe es ein Monopol auf die Geldschöpfung bei einer Stelle, die keinen direkten Vorteil aus einer exzessiven Ausweitung der Geldmenge zieht. Es gibt diverse ähnliche Konzepte, die man unter dem Schlagwort „Vollgeld“ finden kann.

  4. Carmen 1. Februar 2012 / 18:01

    Danke für die Erklärung – ich sehe schon, dass ich mich unbedingt intensiver mit dem Thema befassen muss. Beste Grüße, Carmen

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