„Die Kultur des neuen Kapitalismus“ (2)

Richard Sennett beschreibt im zweiten Teil seines Buches (Link zu meinen Notizen zum 1. Teil) die Ähnlichkeiten zwischen der Warenproduktion und der Politik. Heute werde bei der Fertigung zahlreicher Güter die Plattformtechnik eingesetzt, dabei wird ein Grundprodukt hergestellt, an dem nur noch kleinere, oberflächliche Veränderungen vorgenommen werden. So werde aus dem gleichen Auto-Grundmodell ein Skoda oder ein viel teurerer Audi. Obwohl die Veränderungen gering sind, seien viele Menschen bereit, den überteuerten Audi zu kaufen. Ähnliches lässt sich zu den Flugpreisen von Economy- und Business-Class sagen, der vier- bis fünfmal höhere Preis der einen Klasse ist weder durch einen schnelleren Flug noch dadurch gerechtfertigt, dass der Passagier vier- bis fünfmal besseres oder reichlicheres Essen bekäme als der wenige Meter entfernt Sitzende aus der Economy Class. Der „Potenz-Konsument“ will sich durch das überteuerte Markenprodukt von anderen unterscheiden und er glaubt an die Macht des Produkts.

Das Plattform-Modell hat längst auch in der Politik Eingang gefunden, zeigt Sennett.

Mit welchen inhaltlichen Unterschieden der beiden Politiker Markus Söder und Karl-Theodor zu Guttenberg z.B. hätte die Guttenberg-Fangemeinde ihre Verherrlichung des einen und nicht des anderen CSU-Politikers erklären können? Richtig, um Inhalte ging es nicht.

„Das obsessive Interesse der Presse und der Öffentlichkeit an individuellen Charakterzügen von Politikern verdeckt die Realität der Konsensplattform“, schreibt Sennett und zeigt am Beispiel von Großbritannien die Überbetonung trivialer Symbole und das Desinteresse des Publikums an politischen Fragen.

Sennett hat wenig Hoffnung, dass der neue Kapitalismus eine progressive Politik hervorbringen kann:

„Da die Menschen nur dann sicheren Halt in ihrem Leben finden können, wenn sie versuchen, etwas um seiner selbst willen gut zu tun, erscheint mir der Triumph der Oberflächlichkeit in Arbeit, Schule und Politik sehr zweifelhaft. Und vielleicht wird die Revolte gegen diese entkräftete Kultur die nächste neue Seite der Geschichte sein, die wir aufschlagen müssen.“

„Die Kultur des neuen Kapitalismus“ von Richard Sennett, Berlin Verlag.

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