„Die Kultur des neuen Kapitalismus“ (1)

Ein Zufalls- und Glücksgriff: „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ von Richard Senett.

Wer verstehen will, warum sich unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten derart zum Nachteil der arbeitenden Menschen entwickelt hat, sollte unbedingt dieses Buch lesen.

Sennett beschreibt, wie durch den Zusammenbruch des Weltwährungssystems (sog. Bretton-Wood-System) in den 1970er Jahren riesige Kapitalmengen frei wurden und sich Investoren aus den ölreichen Ländern des mittleren Ostens und aus amerikanischen, japanischen und deutschen Banken auf der Suche nach gewinnbringenden Geldanlagen in Unternehmen einkauften. Damit war für viele Großunternehmen das Ende der bisherigen Unternehmenskultur eingeläutet, denn das „ungeduldige Kapital“ interessierte sich nicht für das Produkt oder die Beschäftigten des Unternehmens, sondern nur für den Aktienkurs.

Der soziale Kapitalismus eines Otto von Bismarck, der auf Befriedung der Gesellschaft durch Integration aller in den Arbeitsmarkt setzte, hatte Unternehmen mit breiter Mitarbeiterbasis in den unteren Rängen vorausgesetzt. Jetzt ist Effizienz das Zauberwort.

Zu den vielen Veränderungen durch das neue kapitalistische Unternehmensmodell gehört die mangelnde Achtung „handwerklicher Einstellungen“, schreibt Senett.

„Der Ausdruck handwerkliche Einstellung wird meist für Menschen gebraucht, die manuelle Arbeit verrichten. (…) Das ist jedoch eine allzu enge Sicht. Auch auf geistigem Gebiet gibt es eine handwerkliche Einstellung (…). Eine umfassende Definition könnte lauten: etwas um seiner selbst willen gut machen. (…) Eine in diesem Sinne verstandene handwerkliche Einstellung findet in den Institutionen des flexiblen Kapitalismus kein gutes Zuhause. (…) Eine gewisse Besessenheit ist durchaus nötig für eine handwerkliche Einstellung. Sie ist das genaue Gegenteil der Einstellung des Unternehmensberaters, der kommt und geht und sich niemals niederlässt.“

Statt Fähigkeiten zählen in der neuen Arbeitswelt „Potenziale“, schreibt Senett.

„Organisationen, in denen Inhalte sich ständig ändern, erfordern mobile Problemlösungsfähigkeiten. Das Bestreben, sich sehr intensiv mit einem Problem zu beschäftigen, wäre dysfunktional, da Projekte ebenso abrupt enden, wie sie beginnen“.

Der ideale Mitarbeiter des neuen Kapitalismus soll vor allem schnell und oberflächlich sein, denn eine handwerkliche Einstellung, die das Produkt oder die Dienstleistung verbessert, ist teurer und bringt keinen kurzfristigen Gewinn.

Ich musste bei diesem Kapitel an meinen Vater denken, der in den 1970ern, 1980ern und 1990ern als Schreiner für einen großen Büromöbelhersteller Prototypen von Schreibtischen u.ä. gebaut hat. Bevor die Möbel in Serie gingen, hat er die Ideen des Designers in Holz oder in furnierten Kunststoffplatten gebaut. Dann haben sich der Firmeninhaber, der Produktionsleiter, der Designer und der Verkaufsleiter das Stück angesehen, Verbesserungen vorgeschlagen, die mein Vater wiederum umgesetzt hat: ein umfassender Dialog zwischen Kreativen und erfahrenen Praktikern, zeitintensiv aber qualitätssichernd.

Die Firma gehört auch heute noch zu den Unternehmen alten Stils: Sie hat inzwischen 1000 Mitarbeiter und ist noch immer inhabergeführt und nicht börsennotiert.

Zum zweiten Teil meiner Besprechung geht es hier.

Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus

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Ein Gedanke zu “„Die Kultur des neuen Kapitalismus“ (1)

  1. Jarg 27. Dezember 2011 / 12:01

    Sennett ist seit vielen Jahren ein äußerst scharfsinniger und kluger Beobachter und Analytiker des Zeitgeschehens … es wäre ausgesprochen wünschenswert, dass er mehr gehört wurde!

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