Unabhängiges „Echtleben“

Als ich 16 Jahre jung war, hieß Unabhängigkeit für mich, nach der Mittleren Reife von der Schule abzugehen, eine Lehre zu machen, damit ich mit 19 meine eigene Wohnung und mein kleines Auto finanzieren konnte.

Mit 23 beschloss ich, mein Abitur auf dem Abendgymnasium nachzuholen und weiter im Büro zu arbeiten, damit ich die Frist für das „Eltern-unabhängige“ Bafög erfüllen würde (das schon damals ein Darlehen war und fünf Jahre nach dem Studium zurückgezahlt werden musste). Während des Soziologie-Studiums bedeutete Unabhängigkeit für mich, die gesamten Semesterferien zu arbeiten, damit ich den Rest des Jahres gut leben konnte. Das war kein schlechter Deal.

Nach dem Studium und einer glücklichen, aber unbezahlten Zeit als „Chef-Redakteurin“ einer Frankfurter Frauenzeitung bekam ich eine Stelle in der Redaktion einer kleinen Fachzeitschrift unter dem Dach eines der größten deutschen Fachverlage. Es stellte sich raus, dass die Arbeit der „Redaktion“ darin bestand, Anzeigen an Marktforschungsinstitute zu verkaufen und diese im Gegenzug ihre Artikel „platzieren“ durften. Nach ein paar Wochen kaufte ich auf Wunsch meiner Chefin – ebenfalls feministische Soziologin – eine neue Kaffeemaschine, eine sogenannte Stempelkanne. Als ich ihr die Funktionsweise erklären wollte, sagte sie: „Sie sollen mir den Kaffee kochen, nicht die Maschine erklären.“ Wenige Stunden später packte ich meine Bürotasse in die Handtasche und ging, um das Haus nie wieder zu betreten. Es fühlte sich sehr unabhängig an.

Unabhängigkeit bedeutete für mich als Arbeiterkind, dass ich mich selber ernähre und mir für (fast) keinen Job zu schade bin, dass ich mich aber nicht verbiegen lasse und mein Bestes – meine Intelligenz, mein Urteilsvermögen – nur für sinnvolle Zwecke einsetze.

Nach der Lektüre von Katja Kullmanns „Echtleben“ befürchte ich, dass ich mir meine klare Haltung heute nicht mehr leisten könnte. Vor fünfzehn Jahren habe ich von einem Halbtags-Korrektoren-Job sogar noch jeden Monat Geld zur Seite gelegt und in meiner freien Zeit un- oder schlechtbezahlte Artikel geschrieben.

Heute arbeiten Angestellte mit vertraglichen 38 Stunden in der Woche tatsächlich 44 Stunden, die 6 Stunden Mehrarbeit werden nicht bezahlt, ein Drittel aller Angestellten bezeichnet sich laut einer Studie des DGB als unglücklich am Arbeitsplatz. Zwei Millionen Menschen in Deutschland greifen nach einer Krankenkassenstudie häufig zu Stimulanzien und Stimmungsaufhellern.

„Ritalin ist das Koks des gesetzestreuen Bürgers: Es macht ausgehfreudig und kommunikativ“, sagt Kathrin Passig aus dem digital-bohèmen ZIA-Netzwerk. Die Freiberuflerin (und Buch-Autorin) nutzt das Medikament, das sie ursprünglich wegen ihrer Narkolepsie verschrieben bekam, gezielt zur Leistungssteigerung, wie sie freimütig in NEON erzählt: Ich kann auch ohne Ritalin sehr gut arbeiten, aber nur, wenn die Arbeit komplett selbst gewählt ist – und das heißt meistens unbezahlt. Sobald ich eine bestimmte Sache machen muss, geht es eigentlich nur mit Ritalin.“ (aus Katja Kullmann: Echtleben)

„Über das karge Leben der schreibenden Intelligenz in den Zeiten des Internet“ könnte Katja Kullmanns Buch auch heißen, schuldig an der Misere sind aber die „kühlen Sachverwalter“, die „alerten Jungspunde“ und „glatten Manager“ in den Redaktionen, zitiert Kullmann den Medienjournalisten Hans Hoff:

„Der größte Feind des kritischen Journalismus sei nicht das Internet, sondern die mit Gier gepaarte Ratlosigkeit der Verlage, die aber auf jeden Fall an den satten Renditen von früher festhalten wollen und ihre Chefredakteure als wilige Vollstrecker nutzen.“

Katja Kullmann: Echtleben – Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben.

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