Mut statt Wut: Wege aus der Infantilgesellschaft

Aus dem Kiez unserer Betroffenheiten heraus müssen wir uns Herausforderungen planetarischer Art stellen und uns nicht nur anstrengen, das Schlimmste in unserer Nähe abzuwehren, sondern auch das Bessere für die Welt von heute und für zukünftige Generationen herzustellen.“ (Claus Leggewie in „Mut statt Wut“)

„Du kannst nicht alles haben“, sage ich meiner Tochter, seit sie klein ist – ich will schließlich nicht, dass sie mal eine Wutbürgerin wird, sondern ein verantwortungsvolles Mitglied der Gesellschaft. Natürlich soll sie für ihre Interessen und Überzeugungen kämpfen, dabei aber nicht vergessen, dass andere Menschen häufig andere Interessen haben und das gleiche Recht, diese zu verwirklichen.

Meiner Tochter, die inzwischen 10 Jahre ist, ist das unmittelbar einsichtig. Aber vielen erwachsenen Mitbürgern nicht. Sie fordern die Energiewende, aber wehe, es kommt ein Windrad in die Nähe des Wohnorts. Sie missachten jahrelang die Fluglärm-Klagen des Nachbarn und wählen immer weiter die Ausbaubefürworter – bis sich die Flugrouten ändern und sie selbst betroffen sind, dann geht das Geschrei los. Sie fordern besseren ÖPNV, wollen aber den Ausbau der S-Bahn-Strecke in ihrem Stadtteil verhindern, etc.

„Not in my back yard“ oder „St.-Florians-Prinzip“ oder „Kirchturmspolitik“: Es gibt viele Bezeichnungen für das Phänomen und es ist älter als der „Wutbürger“. Neu ist, dass sich heute via Internet und angesichts einer Presse, die wegen des Mangels an Journalisten jede Presseerklärung abdruckt, kleine Gruppen heute viel mehr Gehör verschaffen können.

Frank Schirrmacher, Mit-Herausgeber der FAZ, hat kürzlich im Gespräch mit Alternativlos auf mögliche Gefahren einer alternden Gesellschaft hingewiesen. Viele Kinderlose über 50 hätten kein Interesse an Nachhaltigkeit, sie wollten nicht verzichten zugunsten nachfolgender Generationen, mit denen sie nichts verbindet. Da sie aber – im Gegensatz zu den geborenen und ungeborenen Kindern – wählen können, ist es eine reale Gefahr, dass die Politik ihren Forderungen zulasten zukünftiger Generationen nachkommt.

Vorschläge zum konstruktiven Umgang mit der Empörung des Bürgers hat Claus Leggewie, Politik-Professor und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. In seinem neuen Buch „Mut statt Wut“ weist er auf die positiven Potenziale des Wutbürgers hin, vorausgesetzt, dieser „knickt nicht vor der Zumutung komplexer Verhältnisse ein“.

Für den Aufbruch in die neue Demokratie brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag, meint Leggewie:

Er bedeutet „dass jeder Einzelne in ökologischer Verantwortung freiwillig nach seinen Kräften auf die Ausdehnung des Ressourcenverbrauchs verzichtet und den Staaten die Vollmacht gibt, zur Erhaltung weltöffentlicher Kollektivgüter steuernd einzugreifen, auf der anderen Seite aber umso mehr politische Mitwirkungs- und Beteiligungsmöglichkeiten bekommt.“

Eine seiner Ideen zur sinnvollen Bürgerbeteiligung wird Claus Leggewie am Samstag, dem 3.12.2011, in Frankfurt bei den Römerberggesprächen vorstellen.

„Gefällt mir nicht – Demokratie auf dem Prüfstand“: Ab 10 Uhr im Chagallsaal des SCHAUSPIEL Frankfurt. Leggewie wird um 17 Uhr über „Zukunftskammern – Wie partizipative Demokratie 2030 aussehen könnte“ sprechen, davor diskutieren um 16 Uhr Erik Buhn, Nicole Deitelhoff und Frank Rieger über „Alle Gewalt geht vom … aus. Wie organisiert man Dissens?“

Nachtrag
Und hier geht es zum Artikel über die Römerberggespräche vom 3.12.2011.

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