Meine Auto-Biographie

Im Alter von 19 Jahren erwarb ich für 2000 Mark eine grüne Ente. Meine erste längere Fahrt führte mich von einem katholischen Dorf in der Wetterau quer durch Deutschland zu einem kleinen Frauenbauernhof in der Nähe von Eutin. Der Besuch war meine erste Begegnung mit einer alternativen Lebensform: Auf dem Hof wohnten damals vier Frauen mit einer Pflegetochter im Teenageralter. Sie versuchten weitgehend ohne Geld auszukommen, versorgten sich mit selbst angebautem Gemüse, backten Brot und tauschten Produkte mit anderen Frauenprojekten in Norddeutschland. Aber ein Auto hatten sie natürlich auch – schon um Freitags in die Frauendisko nach Hamburg zu fahren.

Mein zweites und letztes Auto war eine nagelneue, rote Ente. Mit ihr fuhr ich zehn Jahre lang, im Sommer in die Normandie oder die Loire entlang oder ins Baskenland. Weil die Reparaturen zunahmen, verscherbelte ich sie schließlich für 500 Mark an einen jungen Mann, der sie flott machte und seiner Freundin schenkte. (Die war ob des übergroßen Frauenzeichens und den anderen Aufklebern nicht sehr angetan von dem Geschenk.)

Die ersten Wochen ohne Auto waren schwierig, zwar lebte ich längst in der Stadt, hatte in Fußweite S-Bahn, U-Bahn, Bus und Straßenbahn, aber ich hatte die emotionale Bedeutung meiner mobilen Begleiterin unterschätzt. Nachts träumte ich vom Verlust meiner Freiheit. Als ich später mit dem Rauchen aufhörte, hat es sich ähnlich angefühlt. Meine Freunde konnten das damals nicht verstehen, sie fuhren kein Auto, sondern Fahrrad. (Jetzt ist es allerdings umgekehrt, ich bin die einzige Autofreie.)

Inzwischen bin ich längst eine Verfechterin des autofreien Lebens geworden. Meistens jedenfalls: Wenn ich allerdings vom zwei Kilometer entfernten Supermarkt nach Hause gehe, links und rechts eine Einkaufstasche in der Hand und es fängt an, aus Eimern zu regnen, verfluche ich auch schon mal meine Entscheidung.

Die positiven Aspekte des Lebens ohne Auto überwiegen aber für mich. Es ist kein Verzicht, sondern ein Gewinn. Zum Beispiel an gemeinsamer Zeit mit meiner Tochter, die nie angeschnallt im Auto zum Kindergarten oder zur Schule fuhr, sondern immer zu Fuß und schwätzend. Und ein Gewinn an Kontakten mit anderen Stadtteilbewohnern (Zu diesem Aspekt habe ich kürzlich den Artikel „Leben mit und ohne Blechpanzer“ gepostet)

Wer autofrei lebt, braucht eine gute Nahversorgung und er kämpft u.U. dafür. Riesige Läden auf der grünen Wiese interessieren uns Autofreie nicht. Auch das in letzter Zeit häufig angesprochene Problem, dass 40 Prozent der Lebensmittel weggeworfen werden, gäbe es mit mehr Autofreien nicht. Denn wir kaufen nur, was wir auch tragen können und gehen dafür öfter einkaufen, was wiederum unserer Gesundheit zugute kommt.

Eine Leben ohne Auto wäre für meine Freundin – berufstätige, alleinerziehende Mutter von drei Kindern – undenkbar. Doch die Autofahrten aus Notwendigkeit machen nur einen Teil der gefahrenen Kilometer aus, auch die Bequemlichkeit erklärt das Fahrverhalten noch nicht:

„In Deutschland werden ein Viertel aller Bewegungen unter einem Kilometer und die Hälfte aller Bewegungen unter fünf Kilometern mit dem Auto zurückgelegt. Da die wenigsten von uns gehbehindert sind und man auf solchen Strecken mit langen Ampelphasen und Parkplatzsuche kaum schneller ist als per pedes, muss diese Fixierung mit Mentalitäten und einer Symbolik zu tun haben, die das Auto offenbar erzeugt und ikonisch am Leben erhält.“ (Claus Leggewie in „Mut statt Wut – Aufbruch in eine neue Demokratie“, Link zum Blog Mut statt Wut).

Die Lösung von dieser Fixierung führt zu einem Mehr an Freiheit und zu einem Weniger an sinnloser und umweltzerstörender Mobilität.

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5 Gedanken zu “Meine Auto-Biographie

  1. Andrea 25. November 2011 / 14:20

    Wie Recht Du hast – auch in der östlichen Nachbarstadt lässt es sich Dank kurzer Wege, guter Nahversorgung und S-Bahn-Anschluss gut ohne eigenes Auto leben. Und für die längeren Wege zu den Verwandten auf dem Land gibt es ja Carsharing. Beste Grüße aus dem Offenbacher Rathaus 🙂 Andrea

  2. Carmen 25. November 2011 / 14:40

    Wie schön von Dir zu hören, Andrea! Hoffe, es geht Euch gut und grüße zurück – auch Nadine.

  3. Jarg 25. November 2011 / 22:06

    Wie wahr! Bin zwar erst seit 2007 im Besitze des Führerscheins – aber selbiger machte überraschenderweise zumindest kurzfristig den ehemaligen radikalen Radfahrer zum jede Gelegenheit zum Fahren nutzenden Autofahrer (der sich allerdings den Blick für die „andere Seite“ zu bewahren bemühte). Mittlerweile reduziere ich meine Fahrten auf notwendige, meist dienstliche Trips – und der ÖPNV hat trotz des Führerscheins stets seinen überwiegenden Anteil an den von mir zurückgelegten Kilometern bewahrt. Kann ich mir auch nicht anders vorstellen, denn am Steuer liest, schläft und redet es sich doch eher ungünstig 😉

  4. Carmen 26. November 2011 / 10:12

    Als ich den Führerschein machte, war das wie ein Initiationsritus: Jetzt bin ich ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft (und nicht mehr darauf angewiesen, dass mich der große Bruder meiner Freundin am Samstag abend mit in die Disko nimmt). Wenn du erst vor einigen Jahren den Führerschein gemacht hast, hast du sicher ein sachlicheres Verhältnis zum Auto.

    VG Carmen

  5. Jarg 26. November 2011 / 12:15

    Ja, sachlicher ist mein Verhältnis schon. Aber ich freue mich schon immer mal, wenn ich andere Autos fahren darf (wie etwa den Uralttoyota meines Schwagers, den ich höchstpersönlich über die 200000er Marke treiben durfte )… also ein bisschen Emotion ist schon dabei 🙂

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