Meine Apokalypsen

Das Gespräch mit FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher auf Alternativlos! hat mich nachhaltig beschäftigt. Wobei meine Überlegungen erst darum kreisten, was ich für den bevorstehenden Notfall in unseren kleinen Keller einbunkern soll (Ölsardinen, Milchpulver, Desinfektionsmittel, Antibiotika), danach um die Frage, ob ich einen Schrebergarten zur Selbstversorgung pachten soll (Ich hasse aber jegliches Gewürm), um schließlich bei der mentalen Ausrüstung zum Überleben in Krisenzeiten zu landen (Assoziieren ist meine Stärke).

Dann fiel mir der Lehrer Becker ein. Ich war in der fünften oder sechsten Klasse und hörte meine erste apokalyptische Rede von ihm, der kurz vor der Pensionierung stand. Tenor: „Ich bin froh, dass ich alt bin und die nächsten 60 Jahre nicht erleben muss.“ Ein schauriges Gefühl erfasste uns.

Wenige Jahre später kam die Kanzlerkandidatur von Franz Josef Strauß. In meinem jugendlichen Freundeskreis war klar: Wird Strauß Kanzler, können wir in diesem Land nicht bleiben. Ich bin heute Helmut Schmidt noch dankbar, dass er mir Australien erspart hat (das Klima ist nichts für mich).

Zur gleichen Zeit erstarkte die Friedensbewegung im Kampf gegen die Stationierung von Kurz- und Mittelstrecken-Atomwaffen in der Bundesrepublik. Auch die feministischen Zeitschriften EMMA und Courage informierten ihre Leserinnen in seitenlangen Berichten über die Bauart und Reichweite dieser Waffen. (Ich habe diese Texte nicht verstanden, aber selbstverständlich ebenso gelesen wie Herbert Gruhls „Ein Planet wird geplündert“ und Robert Jungks „Der Atomstaat“ und die 1985 erschienenen apokalyptischen Romane „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood und „Die Wand“ von Marlen Haushofer.)

Dennoch unvorbereitet und mit unglaublicher Wucht traf uns Ende April 1986 die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Ich lief damals durch das Frankfurter Nordend und diskutierte mit türkischen und griechischen Gemüsehändlern über die Salat- und Spinatauslage (hoch verseucht!), verteilte als Mittel gegen die Ohnmacht Flugblätter für die GRÜNEN und beschallte das ganze Viertel mit Heinz-Rudolf Kunzes „Das Lamm Gottes kann nicht mehr schreien“.

Es kamen ruhige Jahre. Wir studierten auf dem Zweiten Bildungsweg Politik, Psychologie, Soziologie, verbrachten die Nächte im „Cafe Größenwahn“, in der „Weinstube“ oder im „Horizont“ und sprachen mit Vorliebe über unsere Psyche – viele konnten nahezu wortwörtlich ihre vormittägliche Psychoanalyse-Stunde wiedergeben. Wir wurden erwachsen und arbeiteten.

Der 11. September 2001 erwischte mich kalt. Ich war hochschwanger und wollte von Apokalypsen nichts hören. Anfangs schaute jeden Morgen ein Kollege in meinem Büro vorbei und wollte mit mir über den nahenden Krieg reden – bis ich ihm schließlich die Tür wies.

Oktober 2011: Die Politik hat unsere Zukunft an die Banken verspielt und die geben sie freiwillig nicht mehr her.

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2 Gedanken zu “Meine Apokalypsen

  1. Jarg 26. Oktober 2011 / 14:29

    Bitter, aber leider wahr! Aber vielleicht führen die sich häufenden Krisen den Menschen ja doch endlich zum Wesentlichen, vielleicht stehen alle endlich auf und sagen, dass es genug ist – auch wenn man daran kaum glauben mag?!. Oder doch glauben MUSS, wenn man selber Kinder hat, um deren Zukunft man sich sorgt!?

  2. Carmen 26. Oktober 2011 / 14:47

    Wenn du Zeit hast, hör dir mal den Podcast auf Alternativlos! an.

    Schirrmacher thematisiert z.B. dass eine alternde Gesellschaft mit einer Krise viel weniger solidarisch umgeht, als eine jüngere Gesellschaft. Wenn das Gros der Bevölkerung die Hoffnung hat, nochmals einen Aufstieg zu erleben, ist die Verzichts-Bereitschaft relativ groß, sind aber die meisten Menschen bereits jenseits der 50 und kinderlos, ist mit einem harten Verteilungskampf zulasten nachfolgender Generationen zu rechnen – jener also, die sich nicht wehren können und noch keine Wähler sind.

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