Missbrauchsleugner Hartmut von Hentig

…der Mensch hat noch jede Idee durch sein allzu menschliches Wirken entstellt, woran nicht die Idee schuld ist, sondern er selber“. (Golo Mann in „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“)

Die Odenwaldschule ist ein gutes Beispiel für solch eine Entstellung. Hier verkam die über 100 Jahre alte Reformpädagogik-Bewegung zum Spielfeld für Päderasten. Der ehemalige Leiter der Odenwaldschule Gerold Becker war nicht der einzige Vergewaltiger, aber einer der aktivsten – manche Kinder hat er bis zu 400 mal vergewaltigt.

Die neu gegründete Golo-Mann-Gesellschaft, die am vergangenen Wochenende in der Frankfurter Nationalbibliothek tagte, hatte ausgerechnet Beckers Lebensgefährten Hartmut von Hentig als Redner eingeladen. Der Verein Glasbrechen hat das rechtzeitig erfahren und zu Protesten aufgerufen.

Hartmut von Hentig sagte daraufhin sein Erscheinen ab, nicht ohne die betroffenen Opfer erneut als „Wegelagerer“ zu beschimpfen.

Ich hätte gern Kontakt mit der Golo-Mann-Gesellschaft aufgenommen und zu der Einladung Hartmut von Hentigs befragt, aber sie verfügt noch nicht über eine Online-Präsenz. Ich hoffe, dass die Verantwortlichen der interessierten Öffentlichkeit bald erklären, warum sie dem Missbrauchs-Leugner Hentig diesen ehrenvollen Rahmen bieten wollten.

„Die Rolle von Beckers Lebensgefährte Hartmut von Hentig an den Vorfällen wurde mitunter als so wichtig erachtet, dass das gesamte Missbrauchssystem an der Odenwaldschule als „System Hentig“ bezeichnet wurde. Hentig wurde zum Gegenstand der heftigen Kritik nach seinen bagatellisierenden Äußerungen zu den Taten seines langjährigen Partners. Einerseits behauptet Hentig, von Beckers Pädokriminalität nichts gewusst zu haben. Andererseits bezweifeln das die Opfer, und kritisieren heftig Hentigs Behauptung, Becker sei von Schülern verführt worden oder Therapeuten hätten den Opfern die Tat eingeredet. Ein betroffenes Missbrauchsopfer strich die Rolle Hentigs heraus und bezeichnet das gesamte Missbrauchsambiente dieser Schule als „System Hentig“.“ (mehr in Psiram)

Nachtrag vom 28.10.2011:

Wie die FAZ in ihrer Ausgabe vom 26.10.11 berichtet, hat die Comenius-Stiftung Hartmut von Hentig den 1994 verliehenen Comenius-Preis aberkannt.

„Hentig habe die Preissumme von 20 000 Mark 1994 an die Odenwaldschule sowie an die Wiesbadener Helene-Lange-Schule gegeben. Damals habe man nicht ahnen können, dass Kinder und Jugendliche an der einen Schule sexuell missbraucht worden seien und ein Musiklehrer an der anderen Hunderte pornographischer Fotos seiner Schüler angefertigt habe. Als der Stiftung diese Straftatbestände bekanntwurden und sie um Aufklärung bat, bezichtigte Hentig den Gründer und Vorsitzenden der Stiftung der „Vorverurteilung“.

In einem Beschluss der Stiftung heißt es: „Die bronzene Comenius-Statuette mögen Sie behalten, zumal der böhmische Bischof Sie zu mahnen vermag, sich um das Wohl und Wehe von Kindern zu kümmern, nicht aber um die sexuelle Befriedigung Erwachsener durch den Missbrauch an den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen. Die damalige Preissumme bitten wir, an den Opferfonds der Odenwaldschule zu transferieren, auf dass wenigstens materiell eine Geste der Wiedergutmachung sichtbar wird.“ (Zitiert aus der FAZ vom 26.10.2011)

Link zur Comenius-Stiftung

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10 Gedanken zu “Missbrauchsleugner Hartmut von Hentig

  1. Jamblicho 9. November 2011 / 21:42

    Guten Abend Frau Treulieb,
    mehr aus Zufall habe ich justament Ihren Beitrag gelesen. Ich möchte in diesem Zusammenhang Ihre Aufmerksamkeit auf einen „Offenen Brief“ lenken, welchen Sie unter folgender URL werden abrufen können: http://forum-kritische-paedagogik.de/start/?paged=2. Ich glaube, dass diese Art von Beitrag in sich differenziert und der Meinung bildender, als sich unreflektiert einer Hetzkampagne anzuschließen.

  2. Carmen 9. November 2011 / 21:56

    Hetzkampagne??? Die Vergewaltigungen und Missbräuche von anvertrauten Kindern und Jugendlichen seitens sogenannter Pädagogen der Odenwaldschule und das Schweigen und damit Ermöglichen dieser lebenszerstörenden Zustände vom Umfeld wie z.B. Hartmut von Hentig kann gar nicht laut genug angeprangert werden.

    Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Ich ekele mich zutiefst vor jedem, der das Leid dieser missbrauchten Kinder relativiert.

  3. Jamblicho 9. November 2011 / 22:11

    Guten Abend Carmen,

    Ihrer „in aller Deutlichkeit“ ausgesprochenen Worte werden weder den „missbrauchten Kinder(n)“ noch dem auf vielfältige Weise kontrovers diskutierten Thema gerecht, weil sie genau das beinhalten, was diese vermeintlich zu verhindern versuchen: sie relativieren. Mögen Sie weiterhin Ihrem Impuls folgen, der von Ihnen wahrscheinlich gut gemeinten Absicht dienen sie jedenfalls damit nicht.

  4. Carmen 9. November 2011 / 22:25

    Oh doch, meine Worte werden den Kindern gerecht, mehr als ihre rhetorischen Finten. Wer relativiert was? Welchem Impuls glauben Sie, folge ich? Was soll das sein: Kindesmissbrauch kontrovers diskutieren und mit wem?

    Ich informiere mich anhand der Erlebnisberichte von vergewaltigten Kindern und ich glaube ihnen (z.B. Jürgen Dehmers und seinem Buch „Wie laut soll ich denn noch schreien?“).

    Und Sie sollten sich vielleicht einfach intern erstmal mit der Frage beschäftigen, warum die Reformpädagogik offenbar ein beliebter Ort für Päderasten ist.

    • Jamblicho 9. November 2011 / 22:38

      Meine Intention ist weniger Sie gegen mich aufzubringen als vielmehr eine inzwischen notwendig gewordene Versachlichung aufzunehmen.

      Das von Ihnen erwähnte Buch von Jürgen Dehmers habe auch ich gelesen, doch von „glauben“ bin ich nach dieser Lektüre weit entfernt.

      Sehen Sie wirklich zwingend einen Zusammenhang von Pädarasten und Reformpädagogik?

  5. Carmen 9. November 2011 / 22:57

    Nein. Aber es ist die Verantwortung von Reformpädagogen, diesem möglichen Zusammenhang nachzugehen.

    Und das muss ich jetzt doch mal fragen: Was empfinden Sie nach der Lektüre von Berichten missbrauchter Kinder, wie z.B. die Frankfurter Rundschau sie in letzter Zeit veröffentlicht hat, und wenn Sie danach Aussagen vom Lebensgefährten des Vergewaltigers Becker lesen, der die Opfer als Wegelagerer beschimpft? Was empfinden Sie, jenseits des Bedürfnisses ihre eigene Überzeugung zu schützen? Sollte Mitleid nicht eine größere Rolle spielen, wenn solch monströse Vergehen an Kindern bekannt werden?

    • Jamblicho 9. November 2011 / 23:13

      Aus genau diesem Grund habe ich zunächst auf den „Offenen Brief“ hingewiesen, weil dieser, von kritischen Pädagogen wie Herrmann und Gruschka an Winkel geschrieben, diese „Verantwortung von Reformpädagogen“ aufzeigt(es lohnt auch die Entgegnung von Theodor Schulze zu lesen).- Zu Ihrer an mich persönlich gerichteten Frage, was ich “ nach der Lektüre …“ empfinde: Traurigkeit über soviel zwischenmenschliche Abgründe.

  6. Carmen 10. November 2011 / 13:06

    Diesem Satz aus der Entgegnung von Theodor Schulze stimme ich zu:

    „Hartmut von Hentigs Schweigen hat großen Schaden angerichtet. Er hat zugelassen, dass in den Medien sich die Bereitschaft ausbreiten und durchsetzen konnte, die Reformpädagogik allgemein zu misskreditieren. Seine Aufgabe wäre es gewesen, sie, die Reformpädagogik, und das, wofür er steht – zum Beispiel die Bielefelder Schulprojekte und „Schule neu denken“ – gegen Anschuldigungen und Verleumdungen zu schützen, auch gegen den Missbrauch der Reformpädagogik durch seinen Freund Gerold Becker.“

    • jamblicho 12. November 2011 / 15:53

      Ich frage mich daselbst an dieser Stelle, beim Lesen der von Ihnen ausgewählten Textpassage, wie bedeutend muss, darf ein Mensch sein, damit so etwas möglich wird. Das ein einzelner Mann in der Lage gewesen sein soll, „die Reformpädagogik allgemein zu misskreditieren“, (…) gegen Anschuldigungen und Verleumdungen zu schützen, auch gegen den Missbrauch(…)“. Gemessen an der kaltblütigen Demontage seiner selbstgerechten Häscher, gemessen an einem bis dahin viel beachteten pädagogischen Lebens-Werk.

  7. Kai 21. Oktober 2012 / 22:42

    Sehr geehrte(r) jamblicho, es irritiert, wenn jemand versucht wortgewandt mit der Sprache umzugehen und dann zwischen das und dass nicht unterscheiden kann. Das „viel beachtete pädagogische Lebens-Werk“ muss angesichts dieser letztlich nicht heilbaren Vorgänge zu Staub und aus den Büchern entfernt werden. Alles andere ist ekelerregend. Ich bin Pädagoge – und in Ihren Augen gerne ein „selbstgerechter Häscher“.

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