Buchmesse 2011: Schirrmachers Frontalunterricht

Buchmesse 2011 - Im Lesezelt

Arroganten Alpha-Tieren, deren Kulturverständnis offenbar ohne die zivilisatorische Errungenschaft von Manieren auskommt, konnte man heute im Lesezelt zuschauen. Die Verlagselite, in persona FAZ-Chef Frank Schirrmacher, Kiwi-Verleger Helge Malchow und Geschäftsführer der Holtzbrinck-Verlagsgruppe Dr. Rüdiger Salat, hatte sich das Thema „Die Zukunft des Buches“ vorgenommen, Experimente-Guru Ranga Yogeshwar durfte dabei sein neues E-Book vorführen. Letzterer sagte ein paar ganz kluge Sachen, z.B. dass ein Blatt Papier mit Buchstaben auch nicht viel sinnlicher sei als ein Bildschirm und dass nach seiner Ansicht in fünf Jahren 80 Prozent der Literatur elektronisch und nur noch 20 Prozent auf Papier gedruckt sei.

Wirklich interessant an diesem Vormittag war aber, wie die Herren mit Dr. Gunter Dueck umgingen. Nahezu unverbrämt zeigte Schirrmacher seine Abneigung gegen den Autor von „Aufbrechen“ und behandelte ihn wie das Schmuddelkind der Buchbranche.

Aber der Mathematiker und Philosoph Gunter Dueck lässt sich von solchen Machos nicht provozieren. In seinem freundlichen Ton erinnerte er daran, dass es vor zehn Jahren noch in der Verlagsbranche hieß: Mit dem Internet kann man kein Geld verdienen.

Nach der Diskussion sprach ich ein paar Sätze mit Gunter Dueck. Er erzählte, dass er einen Vampir-Roman geschrieben, aber keinen Verleger gefunden hat. Jetzt will er ihn selbst als E-Book verkaufen.

„Veränderungen entstehen durch die Masse, nämlich dann, wenn die Hausmeisterin ihren Bastei-Lübbe-Wälzer nicht mehr als Ballast mit in den Urlaubsflieger nehmen will“ (Gunter Dueck)

(Zur Website von Gunter Dueck)

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4 Gedanken zu “Buchmesse 2011: Schirrmachers Frontalunterricht

  1. Jarg 14. Oktober 2011 / 15:11

    Naja, ich habe trotzdem meine Zweifel an der Aussage von Yogeshwar, sowohl zu der 5-Jahres-Prognose als auch zur Sinnlichkeit von Büchern … das E-Book wird zweifellos seinen Markt finden, aber es ist eben doch noch ein Unterschied, ob ich meinen Kindern einen Stapel Bilderbücher mitbringe und sie sich wie ein Rudel Wölfe darauf stürzen … oder ob ich einen Stick auf den Tisch lege und sage: nun ladet das Euch mal schön auf Eure E-Book-Reader.
    Und dass es einen kognitiv Unterschied macht, ob ich am Bildschirm lese oder gedruckt, ist ja mittlerweile auch schon recht gut nachgeweisen: digitaler Lesestoff speichert sich sehr viel schlechter im Hirn.
    Also: große Zweifel … aber die Schirrmachersche Arroganz ist natürlich trotzdem unerträglich.

  2. Carmen 14. Oktober 2011 / 15:20

    Ich lese auch lieber Bücher, ich bin allerdings auch etwas Technik-feindlich. Ein Wunder, dass ich ohne einen eigenen System-Administrator überhaupt bloggen kann… 😉

  3. Jarg 14. Oktober 2011 / 15:51

    Naja, ich bin durchaus technikaffin, wenn auch kein „Early adopter“… aber bei Büchern bleibe ich wohl defintiv analog und kann es mir anders auch kaum vorstellen. Die „Benutzeroberfläche“ ist einfach unschlagbar, egal was der diurchaus von mir sehr geschätzte Yogeshwar sagt – und wenn ich damit einschlafe, fällt mir kein Bildschirm aufs Gesicht 🙂

  4. jfenn 27. März 2013 / 22:56

    Das erinnert mich an eine Anhörung im Bundestag, zu der unter anderem Dueck geladen war. Er stellte damals seine Thesen vor, die er schon auf der Republica 2011 vorgetragen hatte: Wandel in der Arbeitswelt durch das Internet; die heutigen Experten werden vielfach überflüssig, weil zumindest einfaches Expertenwissen schon heute über alle möglichen Plattformen abrufbar ist. Er wurde kaum angesprochen, nur die grünen Abgeordneten wollten zwei, dreimal etwas von ihm wissen, aber er wurde von den anderen Parteien nicht in die Diskussion mit einbezogen. Daß er sich von einem Frank Schirrmacher aber nicht aus der Reserve locken läßt, kann ich mir aber doch gut vorstellen. 😉

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