Politpioniere

Vor einem halben Jahr habe ich an einer Wahlsynopse mitgearbeitet, die der Vorbereitung von Koalitionsgesprächen diente. Nach der Kommunalwahl wollten die Fraktionen einer hessischen Stadt wissen, welche Parteien inhaltlich die meisten Übereinstimmungen haben. Also wurden eine lange Tabelle erstellt, mit allen Themen, die in den jeweiligen Wahlprogrammen erwähnt waren und die Haltung dazu notiert – eine Heidenarbeit. Nur eine Spalte blieb nahezu leer: die Piraten hatten offenbar zu keinem kommunalen Thema eine Meinung, denn sie hatten gar kein Wahlprogramm erstellt. Notiert wurden also nach Sichtung der Website der Piraten nur zwei Punkte: „Open Source in der Stadtverwaltung einführen“ und „Mehr Transparenz“. Die Wahlsynopse stellte dann Transparenz her: Von den konkreten Problemen dieser Stadt hatten die Piraten keine Ahnung, sie hatten offenbar auch kein Interesse an der Lebenswirklichkeit der Menschen dort und daher erst gar kein Gehirnschmalz für mögliche Lösungen verschwendet.

Das fiel mir heute früh ein, als ich Mely Kiyaks Kolumne in der FR gelesen habe:

„Die Piraten wollen alles kostenlos aus dem Netz. Spinnen die? (…) „Die Politik muss die Kostenloskultur im Netz fördern und darf sie nicht bekämpfen.“ Wer so was schreibt, hat in seinem ganzen Leben noch nicht auf eigenen Beinen gestanden.

Mir schoss eine Gedankenlawine durchs Köpfchen: Kriegt Ihr Stütze oder werdet Ihr von Euren Eltern gesponsert? Ich rackere mich mit meinen Texten ab, und Ihr wollt dafür nicht bezahlen? Spinnt ihr? Schon mal was von Copyright gehört? Das Recht auf Eigentum ist ein Menschenrecht! Wer soll denn für die Verbreitung meiner Texte bezahlen? Das machen die Zeitungskäufer, ihr Mathekünstler.“

Da hat sie mir wieder aus der Seele geschrieben, die Mely. (Hier gehts zum vollständigen Artikel Liebe Politpioniere!)

Nachtrag vom 6.10.2011: Ich bekenne mich der gleichen Unwissenheit schuldig wie Mely Kiyak, bereue die feixende Zustimmung sowie den Spaß an Melys Männerfeindlichkeit und verweise auf die freundlichen Belehrungen eines Piraten per Kommentar.

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4 Gedanken zu “Politpioniere

  1. Martin Kliehm (@kliehm) 5. Oktober 2011 / 14:10

    Liebe Carmen,

    in einer anderen großen Stadt in Hessen hatten wir Piraten ein relativ umfangreiches Wahlprogramm, was wohl wiederum unser Interesse an der Lebenswirklichkeit der Menschen dort bekundet. Was willst Du damit sagen?

    Die Kolumne in der Rundschau habe ich auch gelesen. Dass die Journalistin das mit dem Copyright nicht verstanden hat, wundert mich nicht, aber als Bloggerin müsstest Du doch mit der Kultur des Teilens vertraut sein?

    Niemand möchte Frau Mely ihr Zeilenhonorar nehmen. Aber wir möchten auch nicht, dass Zeitungsverleger versuchen, ihr überholtes Geschäftsmodell über eine Zwangsabgabe in Form des „Leistungsschutzrechts“ zu sanieren. Wir möchten nicht, dass uns kostenlose Blogs oder Wikipedia weggenommen werden. Und wir müssen auch die Frage stellen, ob es wirklich sinnvoll ist, dass niemand Frau Mely’s Text auf Lebenszeit plus 70 Jahre nutzen kann, wenn die Kolumne schon nach einem Monat niemand mehr interessiert. Bei diesem Text ist es kein Verlust, aber auf die gleiche Weise verschwindet wissenschaftliche Forschung für Jahrzehnte hinter Paywalls.

    Wie kannst Du auf solch platte, diffamierende Polemik hereinfallen?

    Verwundert,
    Martin

  2. Carmen 5. Oktober 2011 / 14:50

    Lieber Martin,

    da steckt kein Subtext dahinter: das war eine Geschichte aus meiner beruflichen Erfahrung – schön, wenn die Piraten in Frankfurt anders sind.

    Erklär es mir bitte: Wenn alles kostenlos sein soll, wer bezahlt zukünftig Journalisten, Redakteure, Recherchen, etc.? Ich finde das auch ein wenig herablassend, so über Mely Kiyaks Honorar zu reden. Mir scheint, die Anhänger der Kostenlos-Kultur meinen damit nur das Texten oder auch das Programmieren?

    Gruß, Carmen

    • Martin Kliehm (@kliehm) 6. Oktober 2011 / 18:30

      Das ist genau das Mißverständnis: Es soll nicht alles kostenlos sein. Es soll kostenlos bleiben, was kostenlos ist, z.B. Wikipedia oder YouTube oder Blogs.

      Wer künftig die Journalisten bezahlt? Die Verlage, die Nutzer. Aber eben nicht mehr nach dem Modell „ich drucke Texte auf tote Bäume und verkaufe die am nächsten Tag“, auch nicht nach dem Modell „ich verkaufe Anzeigen auf toten Bäumen“ oder der moderneren Variante „ich verkaufe Anzeigen auf Pixeln“. Ganz bestimmt nicht nach dem Modell „mein Geschäftsmodell ist veraltet, darum führe ich eine Computersteuer ein, von der ich profitiere“. Die Verlage haben das Internet jahrelang für eine Modeerscheinung gehalten, den Anschluss verpennt, und jetzt jammern sie. Erinnert mich ein bisschen an die deutsche Automobilbranche.

      Neue Geschäftsmodelle gäbe es viele: Beispielsweise hat The Guardian ein wahnsinnig umfangreiches Archiv. Dazu haben sie eine API zur Suche gebaut, die zunächst kostenlos war. Jetzt haben Unternehmen auf der API aufbauend einen Mehrwert geschaffen, und die werden nun zur Kasse gebeten. Oder ein anderes: die taz nutzt flattr, hat aber auch ihr traditionelles Modell an sich verändernde Lebensstile angepasst, etwa durch das Samstagsabo. Hingegen sind viele andere Verlage so wenig innovativ und erstarrt, dass es schon an Leichenstarre erinnert.

      • Carmen 6. Oktober 2011 / 18:37

        Danke für die Nachhilfe 😉

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