„Wenn wir Tiere wären“

Leben wir das richtige – uns gemäße – Leben? Wie wäre es, wenn wir dem Leben nochmal eine entscheidende Wende geben würden: Ein anderer Job, ein anderer Liebespartner, eine andere Wohnung und andere Hobbys?

„Wenn wir Tiere wären“ blieben uns und Genazinos Held solche Fragen erspart. Kein Tier fühlt den Druck, seinen Begabungen gerecht zu werden und den Ansprüchen des Zeitgeistes zu entsprechen.

Wilhelm Genazino wurde mit seinem neuen Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert. Es ist der zweite Roman (nach „Ein Regenschirm für diesen Tag“), den ich von Genazino lese und auch diesmal erinnert mich der Protagonist an alte Bekannte, z.B. an meinen ehemaligen Mitbewohner M. oder an meinen Freund A. Männer, denen das Stadtleben häufig zuviel wurde, die wochenlang keine Briefe öffneten oder erst in den späten Abendstunden die Wohnung verließen, in der Hoffnung, in der Stammkneipe jetzt nur noch bekannte Gesichter zu sehen.

Während ich also bei der Lektüre an alte Freunde denke und mich frage, wie sie heute wohl zurecht kommen, reagieren andere Leser mit ausgeprägtem Widerwillen auf Genazinos Alltagsprosa. So schreibt Richard Kämmerlings in Welt online:

„Das Erstaunlichste (…) ist, dass Genazino in seinem Leben nur ein einziges Buch geschrieben hat – das freilich immer wieder unter anderem Titel. Sein Evergreen ist eine Geschichte aus dem deprimierenden Alltag eines mittelalten, mittelschlauen, mittelreichen Mannes, der meist zwischen zwei mittelscharfen Frauen und neben sich selbst steht. (…)

Der peinliche Konstruktionsfehler verrät das Grundproblem dieser Depressions-Prosa: Genazino hat keinen Stoff und keine Story, sondern nur den eigenen, stereotyp angeekelten Blick auf die Konsum- und Arbeitswelt, den er seinen Kopfgeburten von Figuren unterschiebt.“

Der Vorwurf, der Autor habe im Grunde unter vielen Titeln immer nur ein einziges Buch geschrieben, ist ziemlich unoriginell. Das haben manche Feuilletonisten z.B. auch von den Schriftstellerinnen Anita Brookner und Marlen Haushofer gesagt. Haushofers Roman „Die Wand“ (Erstveröffentlichung 1963) wurde gerade mit Martina Gedeck verfilmt. Was macht diesen Roman aus, dass er fast fünzig Jahre nach Erscheinen verfilmt wird? Seine Wirkung. RomanheldInnen, die unsicher, depressiv, grüblerisch sind, hinterlassen eben gerade keine unsicheren, depressiven und grüblerischen LeserInnen!

Die Wirkung von Genazinos „Ein Regenschirm für einen Tag“ war doch: Manchmal wird alles gut, ohne eigenes Zutun, ohne Konkurrenzkampf und Selbstaufgabe. Was war das 2001 für eine wunderbare Botschaft für den deutschen Leser. Und wie entspannend!

Welche Botschaft könnte hingegen im neuen Roman stecken? Dem Helden geht es gut, er ist freiberuflicher Architekt, seine Freundin Maria versteht ihn und trinkt nur ab und zu ein Glas Wein zuviel. Aber dann stirbt ein Freund und unser Held kann der Gelegenheit nicht widerstehen, nochmal ein ganz anderes Leben auszuprobieren, als angestellter Architekt und mit einer anderen – wohlhabenden und Kultur beflissenen – Frau. Die Rolle des finanziell abgesicherten Mannes mit der Moral eines Kleinbetrügers, die er von seinem verstorbenen Freund übernimmt, bringt ihn in der Knast – und zur Besinnung. Am Ende wird mit Maria alles wieder ziemlich gut, okay: einigermaßen erträglich – aber das reicht ja wohl, gell.

Ich bin sicher, auch in den nächsten Jahrzehnten werde wir mit Genuss Romane von Genazino lesen, die von instabilen Männern in modernen Großstädten handeln.

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