Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag

Wäre es nicht schön, man könnte sich im Cafe, beim Frisör, in der U-Bahn den Small-Talk sparen und gleich zum Wesentlichen kommen? Zum Beispiel zur Literatur? In meiner Stadt gibt es seit zwei Jahren ein wunderbares Projekt: Frankfurt liest ein Buch. Im vergangenen Jahr war es Valentin Sengers „Kaiserhofstraße 12“, in diesem Jahr ist es Wilhelm Genazinos „Abschaffel“, nächstes Jahr wird es Silvia Tennenbaums „Straßen von gestern“ sein.

Vor einigen Wochen hielt ich „Abschaffel“ in der Hand und blätterte. Die äußerst lakonische, fast schon klinische Beschreibung einer erotischen Situation hielt mich schließlich davon ab, das Buch zu kaufen. Stattdessen fand ich in meinem Regal das Buch „Ein Regenschirm für diesen Tag“ von Genazino, das 2001 im Hanser Verlag erschienen ist. Was für eine Entdeckung!

Ein depressiver, nicht mehr junger Mann durchstreift seine Stadt, um nicht über sein Leben und vor allem über seine Kindheit nachdenken zu müssen. Seine Freundin hat ihn gerade wegen seiner Antriebslosigkeit verlassen, er lebt – mehr schlecht – davon, Luxusschuhe einzulaufen und über ihre Qualität Testberichte zu schreiben.

Er ist einer von den männlichen Großstädtern, wie wir alle welche kennen. Immer nah am Abgrund, überkritisch, ein intellektueller Leistungsverweigerer. Im Frankfurter Nordend gab es diese Sorte Mann vor 15, 20 Jahren in jeder Szenekneipe: Der Taxifahrer, der in den Pausen Adorno liest, der studierte Aushilfskellner, der depressive Ex-Jurastudent.

Aber Genazinos Held stürzt – wider Erwarten – nicht ab. Ohne eigenes Zutun bieten sich neue Chancen, beruflich und romantisch, und nach einigem Zögern greift er zu.
Manchmal wird eben doch alles gut.

Übrigens: der Taxifahrer ist heute Familienvater und erfolgreicher Altbau-Sanierer, der Aushilfskellner ist Chefredakteur eines Reisemagazins und der Ex-Jurastudent Senior Consultant einer IT-Firma.

„Ein Regenschirm für diesen Tag“ von Wilhelm Genazino (Carl Hanser Verlag, München 2001, ISBN-10 3446200495, ISBN-13 9783446200494,176 Seiten, 17,90 Euro) ist als Sommerlektüre 2011 nicht nur für zuhause gebliebene Großstädter geeignet.

(Liebe SchülerInnen und StudentInnen, lest auch meine Post vom 2.11.2011 Suchbegriffe aktuell.

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