Aufbrechen 4: Verantwortung

„Unsere Demokratie verpflichtet einen Abgeordneten, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln, aber ein einzelner Wähler ist frei, nach seinem Belieben und seinem finstersten Interesse zu wählen. Niemand verpflichtet ihn, durch verantwortliches Wählen den Staat und die Gemeinschaft zu fördern. Er kann wählen, wer ihm am meisten verspricht – und das tut er auch in großer Zahl. (Ins Grundgesetz müsste: Der Wähler darf und soll in freien Wahlen seine Stimme dem Gemeinwohl verpflichtet abgeben.) (Gunter Dueck in „Aufbrechen“)

Abgesehen davon, dass wir damit die FDP auf einen Schlag los wären, hat dieser Gedanke den fulminanten Vorteil, dass der Wähler Verantwortung für sein Wahlverhalten übernähme. Täte er das jetzt bereits, gäbe es nicht das Phänomen Wutbürger.

Das Thema reizt mich zurzeit besonders, weil ich aktuell in meinem kleinen Dorf erlebe, wie die eigene Betroffenheit plötzlich aus Ignoranten Wutbürger macht. „NIMBY – not in my backyard“ ist eine vor allem im Mittelstand um sich greifende Haltung, die unglaubliche Emotionen freisetzt, aber – hier stimme ich mit Götz Aly überein – höchst undemokratisch ist.

Seit vielen Jahren leiden die Menschen in den südlichen und östlichen Stadtteilen Frankfurts und in den Umlandgemeinden unter Fluglärm, durch den Flughafenausbau wird sich die Situation weiter verschlimmern. Der nördliche Stadtteil, in dem ich wohne, blieb bisher weitgehend verschont. Die Menschen hier wählen traditionell die CDU zur stärksten Partei, der geplante Flughafenausbau – eines der wichtigsten Themen in Frankfurt im letzten Jahrzehnt – hat hier keinen interessiert. Vor zwei Monaten haben sich die Flugrouten verschoben, so dass auch mein Dorf mehr Überflieger hat, dadurch konnten andere stark fluglärmbelastete Gegenden etwas entlastet werden. Das ist doch fair, würde meine Tochter sagen – nicht aber der priviligierte Bürger.

Frühmorgens am S-Bahn-Gleis sorgt das Thema unter PendlerInnen für aufgeregte Diskussionen. Warum machen die Grünen eigentlich nichts, werde ich gefragt, die sind doch schon ewig im hessischen Landtag. „Schon mal was von Regierungsmehrheit gehört“, erwidere ich sauer. Wer hat denn CDU und FDP („We love FRA“) gewählt. Ich nicht! Wäre es nach mir gegangen, hätten wir seit mehr als drei Jahren eine Ministerpräsidentin Andrea Ypsilanti und einen Umweltminister Tarek Al Wazir. Die fluglärmgeplagten Menschen im Rhein-Main-Gebiet hätten die Hoffnung auf ein absolutes Nachtflugverbot – mehr wäre mit der SPD ohnehin nicht drin gewesen.

Wer hats verhindert? Die „Vier Intriganten“ und die Hetzer von der BLÖD-Zeitung könnte man antworten, aber die Wahrheit ist, der Wähler und die Wählerin haben bei den Neuwahlen 2009 den Flughafenlobbyisten von CDU und FDP ein furioses Ergebnis beschert (Zur Erinnerung: Jörg Uwe Hahn in Siegerpose )

„Die wichtigste Infrastruktur der kommenden Wissensgesellschaft ist die Kultur des integren selbstverantwortlichen Menschen, der einen starken Sinn für die Gemeinschaft und die Ethik allgemein mitbringt.“

Schön gesagt, Herr Dueck!

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2 Gedanken zu “Aufbrechen 4: Verantwortung

  1. Sabine Meier 7. Juni 2011 / 09:26

    Dieser Blog gefällt mir – wunderbar geschrieben!
    Fraglich ist nur, welche „Infrastrukturmaßnahmen“ es zukünftig geben wird, die das Heranwachsen integrer selbstverantwortlicher Menschen an Stelle von BLÖD-Bürgern fördern werden.

    In Bezug auf die aktuellen Fluglärmbeschwerden ist nur hinzuzufügen, dass die Flughafenausbaugegner im Frankfurter Römer (FAG) es tatsächlich dieses Frühjahr, trotz aller Aktualität, fertig gebracht haben, sich vor lauter Wichtigtuerei, fehlenden Inhalten, falschen Strategien und personellen Fehlbesetzungen in der Führung aus dem Stadtparlament zu katapultieren und in Bedeutungslosigkeit zu versinken. Das zeigt meines Erachtens, dass Mittelstands-Wutbürger (ehemalige Ignorante) mit ihrer „NIMBY – not in my backyard“-Attitüde nicht für die Politik geeignet sind, da ihnen eine „Kultur des integren selbstverantwortlichen Menschen, der einen starken Sinn für die Gemeinschaft und die Ethik allgemein mitbringt“ fremd ist. Das Wahlergebnis hat gezeigt, dass ohne dieses Bewusstsein, zumindest bei grünen Wählern, kein „Blumentopf“ zu gewinnen ist.

    • Carmen 8. Juni 2011 / 19:03

      Liebe Sabine,

      „Erziehung zur Mündigkeit“ (Adorno) bleibt eine der wichtigsten Voraussetzungen, wenn wir wollen, dass aus unseren Kindern integre, selbstverantwortliche Menschen werden (Hier gehts zu einer 10-minütigen Adorno-Lesung auf you tube). Und diese Erziehung müssen Eltern und Lehrer leisten.

      Wut allein genügt nicht, da hast du recht Sabine, Wut kann aber der Anfang eines gesellschaftlichen Engagements sein. Dass es oftmals nicht so ist, dass sich im Gegenteil politisches Engagement in Eigennutz erschöpft, ist bedauerlich, lässt sich aber nur verhindern, wenn wir selbst aktiv werden.

      Viele Grüße, Carmen

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