Brauchen wir noch den Feminismus?

Vor einigen Wochen hat meine 9-jährige Tochter eine Deutsch-Arbeit geschrieben. Sie sollte anhand von Bildern eine Geschichte erzählen. Als Vorlage diente eine Vater-Sohn-Geschichte. Exakt die gleiche Geschichte habe ich vor 35 Jahren in der Schule erläutern müssen. Sie handelt von einem Jungen, der vor seinem Haus Fußball spielt und einem Mann den Hut vom Kopf schießt, man erkennt deutlich, dass die Bilder in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gezeichnet sind.

Schon damals habe ich mich darüber aufgeregt, dass meine Lieblingslehrerin (die bei den SPD-Frauen aktiv war) über ein, zwei Jahre ausschließlich langweilige Vater-Sohn-Geschichten vorlegte, in denen keine weibliche Person vorkam. Auch heute wird kaum ein normales Mädchen eine spannende Geschichte aus dieser Vorlage machen können – denn mit wem soll sie sich identifizieren, was hat das mit ihrer Realität zu tun?

Die Grundschullehrerin meiner Tochter ist um die dreißig, sie ist sehr engagiert und ehrgeizig.

Worauf will ich hinaus? Frauen können – und das ist heute nicht anders als vor 35 oder hundert Jahren – trotz Intelligenz und Bildung auf dem weiblichen Auge blind sein.

Wenn heute jüngere Frauen über Feminismus reden, fühle ich mich oft ein bisschen altersweise. Zum Beispiel nach der Lektüre des Artikels von „Diktatur des Feminismus“ von Birgit Kelle auf der Seite TheEuropean.

„Die Frage nach einer Frauenquote ist eine Phantom-Debatte. Junge Frauen wollen ihre Karriere planen und nicht mit den alten Feministinnen mühsam über etwas diskutieren, das für sie keine Relevanz hat. (…) Durfte man früher nicht arbeiten gehen, muss man heute Karriere machen. Musste man früher viele Kinder bekommen, ist man heute als Vollzeitmutter von den Geschlechtsgenoss_Innen geächtet. Da wird ein gemeinsames Frauenkollektiv beschworen, das es in Wirklichkeit nicht gibt. Dafür sind die Ziele der Frauen heute zu unterschiedlich geworden und die Wege dorthin ebenso. Es gibt keine gemeinsamen Zielvorstellungen mehr, es kann nur die Freiheit geben, seine Ziele selbst zu finden. Die Frauen heute kämpfen nicht mehr darum, den einen, vorgeschriebenen Weg verlassen zu dürfen, sondern darum, ihren eigenen in der unendlichen Vielfalt finden zu dürfen“ schreibt Kelle.

Da muss ich ihr leider widersprechen: Die Ziele der Frauen waren schon immer unterschiedlich, das ist überhaupt nichts Neues. Es schadet auch nichts, wenn man über Feminismus schreibt, ein bisschen über den Tellerrand und vielleicht auch mal zurück zu blicken. Junge selbstbewusste, bürgerliche Frauen, die mit den linken pragmatischen Kämpferinnen nichts zu tun haben wollen, gab es schon vor über hundert Jahren. In der ersten Frauenbewegung von Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine bürgerliche und eine sozialistische Fraktion, in der zweiten großen Frauenbewegung ab 1968 war es ähnlich.

In der FAZ vom 16.4.2011 hat Melanie Mühl wieder einmal die alte These ausgepackt „Der Lieblingsfeind von Frauen sind Frauen“ und zu weiblicher Solidarität aufgerufen. „Vollzeitmütter treten gegen Karrieremütter an, Öko-Mamis gegen Fertignahrung-Mamis, gestylte Mütter gegen ungestylte Mütter, Frühgebärende gegen Spätgebärende“ schreibt Mühl in einem Artikel, den zu lesen frau sich gut und gerne sparen kann. Denn er stellt uns Frauen auf die Stufe von streitenden Kindergarten-Kindern: „Vertragt euch doch“.

Ich bin nicht mit allen Frauen solidarisch. Ich bin mit Frauen solidarisch, die für ein selbstbestimmtes Leben eintreten, damit meine ich natürlich auch, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Ich bin mit Frauen und Männern solidarisch, die versuchen, im Job und in der Familie ihr Bestes zu geben und sich die Familien- und Hausarbeit teilen. Und ja, ich bin selbstverständlich für die Frauenquote, weil bei den gegenwärtigen Verhältnissen Frauen neben Job und Familie meistens nicht über die Kraft und Zeit verfügen, für gesellschaftliche Veränderungen zu kämpfen. Ich will, dass sich die Politik darum kümmert.

Das Sein bestimmt eben doch das Bewusstsein: Als ich noch kein Kind hatte, habe ich mich nullkommanix für die Lebensrealität von Müttern interessiert. Ich erwarte das auch heute nicht von kinderlosen Frauen. Ich erwarte, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen geschaffen werden, dass ich meinen Lebensentwurf (und der meint eine Arbeit, die Spaß macht, aber eben nicht Karriere und einen 40, 50 Stunden-Job) ohne Hindernisse realisieren kann. Und das wünsche ich auch den jungen Frauen.

Nachtrag: Die Kommentare zum Artikel auf der Seite european sind sehr interessant: TheEuropean.

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