Aufklärung versus Globulisierung

Sein Kind einer gefährlichen Krankheit wie Masern auszusetzen, die bei Jungs zur Unfruchtbarkeit führen und sogar tödlich sein kann, ist ganz und gar nicht mütterlich, sondern schlicht und einfach Körperverletzung.

Wie das Journal Frankfurt berichtet hat, haben sich in den ersten Monaten 2011 in Frankfurt so viele Kinder mit Masern angesteckt wie 2009 und 2010 zusammen. „Bei der Virusinfektion handele es sich um keine harmlose Kinderkrankheit: Masern ziehen in manchen Fällen gefährliche Komplikationen nach sich, die unter Umständen sogar tödliche Folgen haben können. Das Gesundheitsamt warnt deshalb vor einer allgemeinen Impfmüdigkeit.“ (Journal vom 5.3.2011)

Impfmüdigkeit? Die Globuli-Mütter sind in den Großstädten seit Jahren auf dem Vormarsch und nutzen zur Verbreitung ihrer paranoiden und hysterischen Angstmache jede Möglichkeit. Als ich vor zehn Jahren im Frankfurter Frauengesundheitszentrum einen Kurs belegte, wurde mehrmals auf die „Impfsprechstunde“ hingewiesen und in der Runde abgefragt, wer sein Kind impfen lasse.

Eine Frau berichtete, dass sie auch ihr erstes Kind nicht habe impfen lassen und dieses deshalb schon mit 2 Jahren grammatikalisch richtige Sätze mit mehreren Nebensätzen sprechen konnte. Denn durchlittene Krankheiten würden das Kind stärken und intelligenter machen. Generell würde sie mit ihren Kindern nur zum Heilpraktiker gehen.

Der Glaube an die Alternativheilerei ist von massiven Allmachtsphantasien genährt: Globuli-Mütter wollen die totale Kontrolle über ihr Kind, auch darüber, was es in seinen Körper aufnimmt. Die Gabe von Globuli beginnt häufig schon im Säuglingsalter. Ob Ausschlag, Insektenstiche oder Quengeln und Schreien, es werden Kügelchen abgezählt. Und dann wartet die Globuli-Mutter. Hilft es nicht, dann hat die „Erstverschlimmerung“ eingesetzt. Lässt der Ausschlag, die Hautschwellung, das Schreien nach, sieht die Gläubige darin einen schlagenden Beweis für Homöopathie und gegen die „Schul“-Medizin.

Die Zuckerkügelchen sind Gaben, die das Kind an die mütterliche Hingabe gemahnen sollen. Wie die Hostie ein Gleichnis für den Opfertod Jesu ist und zugleich seine Allgegenwärtigkeit betont, ist die Globuli-Gabe der Mutter Zeichen ihrer Macht und die Einnahme durch das Kind eine Unterwerfungsgeste.

Weitere Artikel zum Thema:
„Viele Menschen leiden unter Homöopathie. Sie wissen es nur meist nicht.“ (Ulrich Berger, Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, ist Professor für VWL an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Mitglied im Wissenschaftsrat und im Vorstand der GWUP und bloggt in scienceblogs über Pseudowissenschaft und verwandte Themen.)

„Homöopathie ist reiner Aberglaube, der es allerdings erfolgreich geschafft hat, sich in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden.“ (Florian Freistetter im Artikel Homöopathische Visionen: mit Globuli gegen die Strahlenkrankheit in scienceblogs. Er ist Astronom, promovierte am Institut für Astronomie der Universität Wien und hat danach an der Sternwarte der Universität Jena und dem Astronomischen Rechen-Institut in Heidelberg gearbeitet.)

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