Runder Tisch Heimerziehung

In dem katholischen Dorf, in dem ich lange Jahre meiner Kindheit verbrachte, gab es hinter hohen Mauern ein Heim für „schwer erziehbare Mädchen“. Gelegentlich sah man einen dieser Teenager im Dorfladen, sie wurden argwöhnisch beäugt, Kontakte zu ihnen waren strengstens untersagt.

In solche Heime kamen in den 50ern, 60ern und auch noch in den 70ern des vergangenen Jahrhunderts Mädchen (und Jungs), die z.B. in irgendeiner Form abweichendes Verhalten aufwiesen. Zentrale Begriffe der damaligen staatlichen Jugendhilfe, waren „Verwahrlosung“ oder „Gefährdung“; fielen diese beiden Begriffe, war es ein Leichtes, eine Heimunterbringung ohne Zustimmung der Sorgeberechtigten durchzusetzen.

Aus den meisten Heimen gab es dann für Jahre kein Entkommen. Dass die Kinder und Jugendlichen dort ohnmächtig Zwangsarbeit, Schlägen, sexuellen Übergriffen, Essensentzug, Demütigungen aller Art und Briefzensur ausgesetzt waren, lag auch an den jeweiligen gesetzlichen Vormündern, die glaubten, mit der Unterschrift unter die Heimeinweisung sei ihre Verantwortung beendet.

Die jungen Menschen, die dann nach Jahren ohne die ihnen entsprechende Schul- und Berufsausbildung aus den Heimen entlassen wurden, waren für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Zwei Jahre hat unter der Leitung von Antje Vollmer der „Runde Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ getagt. Im Dezember 2010 wurde der Abschlussbericht vorgelegt, den man hier als pdf-Datei herunterladen kann.

Die Vertreter der Betroffenen sind mit dem Ergebnis nicht zufrieden.

Die FAZ schreibt in einem Artikel vom 9.12.2010: „Die drei Vertreter der Betroffenen am Runden Tisch fühlen sich bereits jetzt persönlich hintergangen: „Für mich waren die zwei Jahre ein Full-Time-Job“, klagt etwa Sonja Djurovic, die fünf Jahre in einem fränkischen Kinderheim als Näherin arbeiten musste. Sie könne es kaum ertragen, wenn der Runde Tisch ohne greifbares Ergebnis als „Alibi-Veranstaltung“ endete. (…)

Und nach Lage der Dinge haben die Heimkinder keine Möglichkeit, ihre Ansprüche auf rechtlichem Weg geltend zu machen, weil alle Taten straf- wie auch zivilrechtlich verjährt sind. Die Geber können die Bedingungen also diktieren.“

Die moralische Verantwortung endet nicht mit den Verjährungsfristen. Um es nochmal klarzustellen: Wir reden von 800.000 Kindern. Die Heimträger waren Bund, Länder und Kirchen. Und das Land, dass sie in den „Kinderknast“ schickte, war die Bundesrepublik Deutschland.

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5 Gedanken zu “Runder Tisch Heimerziehung

  1. H.-J. Oldenburg 7. April 2011 / 06:53

    Mein Vertrauen zur Sache und zur Politik ist erschöpft. Ich glaube auch nicht mehr an Entschädigungszahlungen und sollte doch noch entschädigt werden, sind wohl die meisten Betroffenen in der Zwischenzeit an Altersschwäche gestorben und somit hat der biologische Helfer das Problem auf natürliche Weise gelöst bzw. beseitigt.
    Hans-Jürgen Oldenburg

    • Carmen 8. April 2011 / 07:31

      Ich wünsche Ihnen und allen geschädigten Heimkindern, dass es doch noch zu unbürokratischen Lösungen kommt. Es ist unglaublich, dass der Runde Tisch keine Empfehlung ausgesprochen hat, den Betroffenen wenigstens eine monatliche Entschädigungszahlung von 300 Euro für das erlittene Unrecht zu zahlen und stattdessen die Opfer wieder zu Bittstellern macht.

      Beste Grüße, Carmen Treulieb

  2. H.-J. OLdenburg 8. April 2011 / 16:45

    Vielen Dank für Ihre guten Wünsche, liebe Carmen.
    Schöne Grüße
    Hans-Jürgen Oldenburg

  3. H.-J. Oldenburg 14. April 2011 / 07:02

    Stelle fest, dass die politischen Foren kaum noch Interesse wecken. Zunehmende Kinder- und Altersarmut wird von den meisten Politikern ignoriert. Die lobbylosen Gruppierungen in diesem Lande werden allein gelassen. Welche Partei soll ich noch wählen? Ich werde nicht mehr wählen, weil ich in der Zwischenzeit den Glauben an die Politik verloren habe.
    Hans-Jürgen Oldenburg

    • Carmen 14. April 2011 / 08:29

      Das ist schade – die Demokratie lebt vom Mitmachen, nicht nur vom Wählen. Natürlich ist es mühsam, immer wieder für sein Anliegen zu werben und manchmal desillusionierend, wenn nichts vorangeht. Aber gerade bei den Themen, die Sie ansprechen, darf man nicht aufgeben. Es gibt z.B. durchaus auf kommunaler Ebene sehr viele Hilfen für Kinder aus armen Verhältnissen, allerdings stehen viele Städte selbst am finanziellen Abgrund. Hier muss auf Bundes- und Landesebene für eine bessere Ausstattung der Städte gesorgt werden.

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