„Skippy stirbt“

„Das Leben hält uns früher oder später alle zum Narren. Aber wenn man sich seinen Humor bewahrt, kann man die Demütigungen zumindest mit einem gewissen Maß an Anstand hinnehmen. Letztendlich sind es ja doch unsere eigenen Erwartungen, an denen wir zugrunde gehen.“

So recht der Lehrer Slattery mit dieser Erkenntnis auch haben mag, den jungen Protagonisten des neuen Romans von Paul Murray „Skippy stirbt“ nützt sie wenig. Denn Skippy stirbt tatsächlich, gleich zu Beginn des Romans. Skippy ist ein eher unscheinbarer Junge, der in die 8. Klasse des Seabrook College geht, einer Jungenschule mit angeschlossenem Internat. Er teilt das Zimmer mit Ruprecht van Doren, einem übergewichtigen Genie, der seine Freunde mit naturwissenschaftlichen Experimenten nervt.

Wer jetzt denkt, was interessiert mich eine Horde Jungs in der Pubertät, der weiß nicht, was ein irischer Erzähler aus diesem – aus jedem – Stoff machen kann.

Es geht in diesem fast 800 Seiten schweren Roman um alles, nämlich darum, wie man erwachsen wird und seinen Platz in der Welt findet – ein Thema, das manche Menschen Jahrzehnte beschäftigt. Die erste enttäuschte Liebe, Drogen, Eltern, die sich nicht kümmern können oder wollen, Missbrauch – das bleibt nicht aus in einem Internatsroman -, der natürlich unter den Teppich gekehrt wird, und die unterschiedlichen Strategien der Jungen, mit all dem fertigzuwerden, davon erzählt Paul Murray. Selten habe ich beim Lesen soviel gelacht und geweint, wie bei diesem Buch.

Das Seabrook College, ehemals von Priestern geführt, inzwischen aber von einem „weltlichen“ Direktor geleitet, ist seit 140 Jahren die Kaderschmiede für das gehobene irische Bürgertum. Die hervorragende Rugbymannschaft war jahrzehntelange der ganze Stolz der Schule. Missbrauch gab es immer mal wieder auf dieser Schule, dergleichen wird seit jeher mit Versetzung des Täters begegnet. Obwohl dieses Thema quantitativ nicht viel Platz im Roman einnimmt, erkennt der Leser doch nach der Lektüre, dass es keinen vollständigen Schutz für Jugendliche auf einem Internat geben kann. Auch wenn nur 5 Prozent der Priester und Lehrer pädophil sind, ist die Gefahr groß, dass diese Lehrer irgendwann aktiv werden, vor allem bei „unbehüteten“ Kindern. Wie der Fall der Odenwaldschule zeigt, heuern pädophile Lehrer gezielt auf Internaten an und entwickeln u.U. ein regelrechtes Missbrauchsystem. (Mehr dazu im FAZ-Artikel „Hänseljagd an der Odenwaldschule“)

Skippys Tod sprengt die Freundesgruppe auseinander. Ruprecht wird immer fetter und vergräbt sich in noch abstruseren Theorien vom Totenreich, die aber in einem fulminanten Experiment enden, das letztendlich die Freunde wieder zueinander führt.

Paul Murrays Roman ist eine hinreißende Geschichte über das Erwachsenwerden, über Trauer, über Freundschaft und über Mut.

Paul Murray: Skippy stirbt Verlag: Kunstmann, 2010, 779 Seiten, ISBN-13: 9783888977008, ISBN-10: 3888977002, Übersetzung: Hermstein, Rudolf; Tychi, Martina.

Nachtrag: Nach Lektüre des o.g. Artikels in der FAZ habe ich meine Hartmut von Hentig-Bücher aus dem Regal gezogen und angeekelt in den Altpapier-Container geschmissen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s