„Der Ministerpräsident“ von Joachim Zelter

Am 8. September wird die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2010 bekanntgegeben, einige der 20 nominierten Romane will ich bis dahin gelesen haben.

Begonnen habe ich mit „Der Ministerpräsident“ von Joachim Zelter. Protagonist des knapp 200 Seiten starken Romans ist Claus Urspring, Ministerpräsident. Nach einem schweren Autounfall liegt er im Krankenhaus. Er erinnert sich weder an seine Frau, noch an den Namen seiner Partei – nicht einmal der schwäbische Dialekt ist ihm geblieben.

Der Unfall kommt zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt, denn der Wahlkampf steht vor der Tür. Für einen neuen Kandidaten fehlt die Zeit. Also versucht März, der persönliche Referent des Ministerpräsidenten, alles, um Urspring Wahlkampf-tauglich erscheinen zu lassen.

Was jetzt passiert, ist tragikomisch und abstrus, aber sehr realistisch. Weil z.B. das Hinken des Ministerpräsidenten ihn Stimmen kosten könnte, soll Urspring bis zum Wahltag nur noch Fahrrad fahren, sein Berater bastelt dazu ein neues politisches Konzept („CO2-Einsparung um 20 %“), dem sich auch der Gegner nicht entziehen kann. Ursprings Parteitagsrede wird von der Tontechnikerin Hannah aus Wort- und Satzstücken zusammengesetzt und als Playback auf dem Parteitag abgespielt, während Urspring auf der Bühne steht und die entsprechenden Gesten und Mundbewegungen versucht. Alles läuft nach Plan, bis Urspring sich von Hannah ver- und entführen lässt zu einer rasanten Fahrradtour, die die Pläne von März zunichte zu machen droht.

Wer würde bei dieser Geschichte nicht an Dieter Althaus denken, den ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten. Zelter gesteht in einem aktuellen Interview in der Jungen Welt auch ein, dass sein Roman von diesem Ereignis inspiriert wurde: Als Althaus verunglückt ist, hat einer der ihn behandelnden Ärzte im Fernsehen gesagt: »Er weiß, daß er Ministerpräsident ist, und er will es auch bleiben.« Ich fand diesen Satz geradezu grotesk. Ich dachte mir: Das ist ja eine schmale Grundlage, um Ministerpräsident zu bleiben: Er weiß, daß er es ist … Aber der Fall Althaus war nur ein Anstoß. Der Roman könnte von allen Ministerpräsidenten oder Politikern der Bundesrepublik handeln.

Fazit: Das Buch hat mir sehr gut gefallen.

Joachim Zelter: „Der Ministerpräsident“, Verlag Klöpfer und Meyer; 18,90 Euro

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