„Freundlichkeit“

Dass Freundlichkeit die Menschen glücklich macht, weiß ich, seit ich Sabine kenne. Sabine saß einige Jahre im Vorzimmer des PR-Chefs einer Frankfurter Bank. Es kam öfter vor, dass die Telefonzentrale verärgerte Kunden an Sabine weiterleitete. Denn Sabine hörte zu, sie war herzlich und ganz bei ihrem Gesprächspartner, sagte „Oh“ und „Ach nein“ und „Das tut mir aber leid“ und am Ende „Gern geschehen“. Denn die Menschen bedankten sich bei ihr. Egal wie aufgebracht sie zu Beginn des Gesprächs waren, am Schluss waren sie wieder zufriedene Kunden.

Heute sitzt Sabine im Hinterzimmer einer Filiale. Sie hatte den Fehler gemacht, schwanger zu werden und einige Monate Elternzeit zu nehmen. Ihr Personalbetreuer war leider unfähig zu erkennen, welch seltenes Exemplar er vor sich hat und lässt ihre Fähigkeiten ungenutzt.

Jahre später hatte ich wieder eine besonders freundliche und kommunikative Kollegin um mich. Auch sie scheiterte an ihrem Vorgesetzten. Dieser reagierte auf die Freundlichkeit, Höflichkeit und zugewandte Aufmerksamkeit der Kollegin mit steigender Aggression, die schließlich in erfolgreichem Mobbing endete.

Freundliche Menschen fordern uns heraus. Wir müssen – zumindest uns selbst – erklären, warum wir weniger freundlich sind. Warum wir unsere Befindlichkeiten derart vor uns hertragen. Warum wir uns so wichtig nehmen.

Ich komme aus einem Milieu und wurde erwachsen zu einer Zeit, die den kämpferischen Impetus pflegte. Die Zuschreibung „streitbar“ galt als Auszeichnung. „Dem hab ich es aber gegeben“ und „Das lass ich mir nicht gefallen“ waren lange Zeit auch meine verbalen Antriebskräfte.

Mit den Jahren habe ich gelernt, dass es keinem Menschen und nicht der Gesellschaft im Ganzen gut tut, wenn, häufig aus nichtigem Anlass, noch mehr negative Energie in die Welt gesetzt wird.

Deshalb war ich sehr interessiert, als mir das Buch „Freundlichkeit – Diskrete Anmerkungen zu einer unzeitgemäßen Tugend“ in die Hände fiel. Autoren des im Klett-Cotta Verlag erschienenen Buches sind der Psychoanalytiker Adam Phillips und die Historikerin Barbara Taylor.

Phillips und Taylor wollen darlegen, dass nicht Gewalt, Sex und Geld unsere unterdrückten Leidenschaften sind, sondern Freundlichkeit, Empathie, Güte und Mitgefühl. In ihrer Geschichte der Freundlichkeit gehen sie der Frage nach, warum sich die Bewertung der Freundlichkeit von der „höchsten Wonne“ (Mark Aurel) bis zur heutigen Auffassung als Schwäche oder Versagertugend verändert hat.

Dabei meint Freundlichkeit hier nicht das von oben verordnete Lächeln im Supermarkt (z.B. den Anstecker der Netto-Verkäufer „Ich bin freundlich“) oder die floskelbepackte Begrüßung im Call-Center.

„Echte Freundlichkeit verändert die Verhältnisse, ohne dass man die Folgen voraussagen könnte. Sie ist riskant, weil sie unsere Bedürfnisse und Wünsche mit den Bedürfnissen und Wünschen unserer Mitmenschen so eng verbindet, wie es dem sogenannten Eigen- oder Selbstinteresse nie möglich wäre“, schreiben Phillips und Taylor.

Freundlichkeit muss man aushalten können, habe ich bei der Lektüre gelernt und „Wer sich selbst liebt, muss Fremde lieben“. Eine funktionierende Gesellschaft beruhe auf dieser Wahrheit, meinen die Autoren.

„Eine nur auf Wettbewerb beruhende Gesellschaft, die ihre Mitglieder in Gewinner und Verlierer aufteilt, landet zwangsläufig in misanthropischer Unfreundlichkeit. (…) Sympathien aufrechtzuerhalten ist unmöglich, wenn Aufgeschlossenheit und Mitmenschlichkeit nicht anerkannt und für wertvoll erachtet werden. (…) Eine Unkultur der „Härte“ und des Zynismus bildet sich heraus, genährt vom bewundernden Neid auf alle, die sich in dieser Umgebung von Hauen und Stechen erfolgreich behaupten.“ Da fällt mir doch gleich der „Andenpakt“ ein, ein Männerbund, dem u.a. Roland Koch, Christian Wulff und Volker Bouffier angehören.

Zum Abschluss ein letztes Zitat, mit dem ich meine LeserInnen locken will, das Buch zu lesen:

„Wenn wir freundlich handeln, offenbaren wir unmissverständlich, dass wir verletzliche und abhängige Wesen sind, die keine ergiebigere Ressource haben als ihre Mitmenschen.“

Adam Phillips / Barbara Taylor: Freundlichkeit – Diskrete Anmerkungen zu einer unzeitgemäßen Tugend; 16,90 Euro, Verlag: Klett Cotta

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2 Gedanken zu “„Freundlichkeit“

  1. Textaroma 19. Juni 2010 / 18:22

    Wunderbare Literaturempfehlung – besten Dank! Dass im Gegensatz zu Freundlichkeit Feindseligkeit auch gesundheitsschädigend ist, haben mittlerweile mehrere Langzeitstudien herausgefunden. Wer der Welt mit permanenten Misstrauen begegnet, läuft Gefahr, eine koronare Herzerkrankung zu bekommen. Eine Zusammenfassung der Studien veröffentlichte die Zeitschrift „Psychologie heute“ im vergangenen Monat. Eine Kurzfassung dazu gibt es auch online unter: http://www.psychologie-heute.de/gesundheit_und_psyche/heft1006.html

    • umamibuecher 19. Juni 2010 / 19:20

      Danke für den Tipp! Das hat doch was von kosmischer Gerechtigkeit, wenn bösartige Menschen früher sterben…

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