„Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil hat die Geschichte eines Jungen erzählt, der an der Seite einer verstummten Mutter selbst stumm wird. Es ist seine Geschichte. Manche Szenen zu Beginn erinnerten mich an die Autobiographie von Ulla Hahn, z.B. die Spaziergänge am Rheinufer und die Stimmung im Nachkriegsdeutschland. Aber während Ulla Hahn einem bornierten, groben, dörflichen Umfeld entwachsen muss, erlebt Ortheil eine außergewöhnliche Kindheit im Nachkriegs-Köln mit traumatisierten, aber ihm zutiefst zugewandten Eltern.

Ich gebe zu, das Buch hat mich an vielen Stellen zu Tränen gerührt und – um ausnahmsweise mal pathetisch zu sein – es hat mich reicher gemacht. Ortheils autobiographischer Roman ist eine Liebeserklärung an seine Eltern, die schon länger verstorben sind und zu deren Lebzeiten er sicher nicht so ehrlich von seiner Kindheit hätte erzählen können. Hanns-Josef Ortheil hatte vier Geschwister, zwei starben im Bombenhagel, zwei weitere kamen tot zur Welt. Die Mutter überlebt diese tragischen, unerträglichen Schicksalschläge, verstummt aber. Aus Angst, dass auch Hanns-Josef etwas zustoßen könnte, lässt sie ihn in den ersten Jahren nicht aus den Augen. Der Schulbeginn stört die Symbiose der beiden, Hanns-Josefs beginnende Schullaufbahn scheitert an einem unsensiblen Lehrer. Der Vater rettet den Sohn. Er nimmt sich ein halbes Jahr frei und fährt mit dem Jungen aufs Land, wo er auf langen Spaziergängen einen Weg findet, ihn aus seiner Stummheit zu erlösen.

Das ist der Beginn. Auf knapp sechshundert Seiten erleben wir wie Ortheils Talent als Klavierspieler entdeckt und gefördert wird, sein jugendliches Aufblühen in Rom, das Scheitern seiner Pianistenlaufbahn aufgrund einer schweren Sehnenscheidenentzündung und den Anfang als Schriftsteller.

Der Ort, an dem Ortheil die Geschichte seiner Kindheit schreibt, ist Rom. Während des Schreibens über die Vergangenheit kehrt er immer wieder in die römische Gegenwart zurück, aus der sich ein zweiter Erzählstrang entwickelt.

Was mich ganz besonders berührt hat an dem Roman ist Ortheils Treue gegenüber den Menschen und gegenüber seinen eigenen Sehnsüchten.

„Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef Ortheil, Luchterhand Literaturverlag, 592 Seiten, 22,95 Euro

Zehnminütiges Video auf Youtube, in dem Ortheil seinen Roman vorstellt:

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