Zu Susan Pinker (Teil 2)

Als junge Feministin war für mich völlig klar, dass familiäre Erziehung und gesellschaftliche Verhältnisse Frauen daran hindern, ihr Potential auszuschöpfen. Dass Frauen sich lediglich körperlich von Männern unterscheiden, alle anderen Unterschiede aber gemacht sind, war der Grundpfeiler meiner Überzeugung – und die der meisten Autorinnen, die ich damals gelesen habe. Da das Männliche als Norm galt und Anderssein als defizitär interpretiert wurde, ist das nur zu verständlich.

In den letzten 15 Jahren habe ich mich kaum mit feministischer Theorie beschäftigt. Mein Berufsleben war und ist geprägt vom Versuch, die Balance zwischen Engagement und Unabhängigkeit zu halten und das ist mir ganz gut gelungen. Nach meinen eigenen, heutigen Maßstäben bin ich also erfolgreich. Vergleiche ich aber meine Situation mit dem, was der Mainstream als erfolgreich postuliert, habe ich mir eine Nische gesucht, statt dem von der Leyenschen Vorbild von der Vollzeit arbeitenden Mutter in Führungsposition zu folgen.

Damit – mit dem Suchen und Finden einer Nische – befinde ich mich in guter Gesellschaft. Behauptet die Psychologin Susanne Pinker, die sich in ihrem Buch „Begabte Mädchen, schwierige Jungs“ unter anderem mit der Frage beschäftigt, warum sich die beruflichen Lebensläufe von Frauen so stark von den männlichen unterscheiden.

Nach den von Pinker ausführlich zitierten Erkenntnissen der Neurowissenschaft sind Frauen und Männer tatsächlich von Geburt an verschieden: zum Beispiel in der Fähigkeit zur Empathie. Mädchen leiden weniger unter Lern- und Konzentrationsschwächen, Frauen sind gesünder, leben länger, erkranken viel seltener an Autismus, aber häufiger an Depressionen. Frauen haben andere und mehr gleichwertige Interessen als Männer und sind daher weniger bereit, sich zu spezialisieren. Das ist ein wichtiger Aspekt beim Berufserfolg: Frauen sind zu vielseitig orientiert, um einem Interessensgebiet die absolute Priorität einzuräumen:

„Möchten wir, dass alle die gleiche Chance haben, in der Blüte ihrer fortpflanzungsfähigen Jahre 80 Stunden pro Woche zu arbeiten? Ja, aber wir gehen davon aus, dass sie diese Chance nicht alle nutzen“ zitiert Pinker die Harvard-Ökonomin Claudia Goldin.

Solange die Arbeitswelt von diesem „Alles oder Nichts“- Szenario beherrscht wird, werden Frauen nicht in gleicher Zahl ganz oben mitmischen wollen. Sie werden auf halbem Weg kehrt machen, die Beförderung ablehnen, auf Teilzeit gehen oder sich selbständig machen.

„Aufreibende Arbeitszeiten übertragen sich nicht automatisch in Produktivität. Ein Teil dieser Zeit ist einfach Anwesenheitspflicht“, kritisiert Pinker die herrschende Kultur in Büros und Anwaltskanzleien. Diese Unkultur machen Frauen nicht gern mit, schon gar nicht wenn zu Hause Kinder warten.

Sehr interessant ist auch das Kapitel „Die Rache der Nerds“. Pinker hat einige Männer interviewt, die unter dem Asperger-Syndrom leiden, eine Form des Autismus. Die Betroffenen sind hoch intelligent, aber in ihren sozialen und kommunikativen Fähigkeiten stark eingeschränkt. Sie sind nicht in der Lage, andere Menschen zu verstehen und mit ihnen zu interagieren. Einige der Betroffenen sind dennoch sehr erfolgreich, vor allem in den High-Tech-Branchen.

Pinkers sehr empfehlenswertes Buch endet mit dem Absatz:

„Es bestehen tatsächlich statistisch messbare Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Doch Statistiken sollten nie für Individuen sprechen, ihre Entscheidungen einschränken oder ungerechte Praktiken rechtfertigen. (…) Die Würdigung weiblicher Präferenzen kann Mädchen dabei helfen, das Leben zu führen, dass sie sich wünschen, und die Berufe zu wählen, die ihren Interessen entsprechen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern anzuerkennen ist die einzige Möglichkeit, die paradoxen Motive und Entscheidungen von Männern und Frauen zu verstehen – auch wenn sie das Gegenteil von dem zu sein scheinen, was wir erwarten“.

Erster Teil meiner Besprechung.

Susan Pinker: Begabte Mädchen, schwierige Jungs – Der wahre Unterschied zwischen Männern und Frauen, Pantheon Verlag, 17,95 Euro

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