Ben Goldacre: Die Wissenschaftslüge

Als die Frankfurter Rundschau im vergangenen Jahr berichtete, dass bereits vor 70 Millionen Jahren Tarbosaurier ihre Toten in eiförmigen Särgen bestattet hätten und die Grabbeigaben zeigten, dass die Saurier Stoffe weben konnten, habe ich das nicht nur geglaubt, sondern auch begeistert meiner Tochter davon erzählt – was sie mir heute noch aufs Brot schmiert. Als vor zwei Wochen der Hessische Rundfunk das geplante Porto auf E-Mails ankündigte, war ich – wie viele andere HörerInnen auch – empört. Seit Jahrzehnten nehme ich mir am Morgen des 1. April vor, diesmal wirklich aufzupassen – es hilft nichts, ich falle auf jeden, wirklich jeden Aprilscherz herein.

Auch für Katastrophenmeldungen aus dem Gesundheitsbereich bin ich nicht unempfänglich. Vor vielen Jahren, noch als Studentin, habe ich meine Zahnärztin teuer dafür bezahlt, dass sie mir sämtliche Amalgamfüllungen durch Goldplomben ersetzt, weil das Amalgam damals aller möglichen schädlichen Wirkungen bezichtigt wurde. Leider stellte sich später heraus, dass die Zahnärztin die neuen Plomben einfach über die Amalgamfüllung gesetzt hat, womit ich für meine Gutgläubigkeit doppelt bestraft wurde.

Aber wenigstens daraus habe ich gelernt. Ich war nie empfänglich für die Versprechungen der Alternativ-Medizin, was sicher auch darin liegt, dass ich einige Heilpraktiker und Homöopathen kenne. Im Gegensatz zu meinem Hausarzt verfügen diese über kein Studium, haben kein Abitur und manchmal fehlt ihnen sogar der Schulabschluss. Stattdessen wurden ihnen in Wochenend-Seminaren die vorwissenschaftlichen Erkenntnisse eines Herrn Hahnemann eingetrichtert.

Das wäre ja alles kein Thema, wenn nicht in den vergangenen Jahren die sogenannte Alternativ-Medizin als „sanfte Medizin“ gegen die böse „Schulmedizin“ überall an Boden gewönne. Gestern hat mir eine Freundin erzählt, dass sie mit ihrer Tochter beim Hausarzt war, die 8-Jährige leidet an extremen Dornwarzen am Fuß. Statt ihr eine Überweisung für den Hautarzt zu geben, hat der Arzt, der übrigens auch meiner ist und den ich sehr schätze, meiner Freundin die Karte einer Heilpraktikerin gegeben. Das ist eine medizinische Bankrotterklärung!

Wer Lust hat, sich mit den pseudo-wissenschaftlichen Versprechungen von Medizin, Homöopathie, Pharma- und Kosmetikindustrie zu befassen, sollte sich unbedingt „Die Wissenschaftslüge“ von Ben Goldacre besorgen. Wenn die systematische Gehirnerweichung durch die Alternativ-Heilerei und die kooperierenden Journalisten schon so weit gediehen ist, dass Ärzte nicht mehr über die intellektuelle Kraft verfügen, hanebüchene Ideen wie die Wirksamkeit von Schüssler-Salzen, Brain Gym, Ohrkerzen etc. zu verwerfen, sind die Patienten gefordert, selbst zu denken.

Weitere Besprechungen zum Buch bei Leselustfrust und Gehirn und Geist.

Advertisements

4 Gedanken zu “Ben Goldacre: Die Wissenschaftslüge

  1. excanwahn 15. April 2010 / 23:51

    Ganz zu Anfang ein Dank für die Verlinkung. Ich freue mich immer, wenn ich auf Menschen treffe, die mit meinen Texten etwas anfangen können.

    Als ich – vor mehr als 20 Jahren – angefangen habe, mich intensiver mit exotischen Heilverfahren zu beschäftigen, die, hauptsächlich als Folge der NewAge-Bewegung, entweder als Artefakte historischer Medizin-Irrtümer wiederbelebt, oder als Kulturtransfer vor allem aus dem orientalisch-asiatischem Raum in Europa etabliert wurden, musste ich feststellen, dass aufgrund der Bedeutungslosigkeit und Fragwürdigkeit der Verfahren, kaum Literatur existierte, die sich mit den Therapien kritisch auseinander setzte.

    Als Beispiel will ich mal die Eigenbluttherapie nennen.

    Die wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts “entwickelt”, geriet dann, aufgrund ihrer therapeutischen Bedeutungslosigkeit, mehr oder weniger in Vergessenheit, wurde aber – wie viele andere Verfahren auch – in den letzten 3 Jahrzehnten wiederbelebt.
    Da existiert ein Vakuum an Fachliteratur von bald 6 Jahrzehnten, und was heute an Büchern auf dem Markt ist, bezieht sich inhaltlich auf die Erkenntnisstand zu Zeiten des letzten deutschen Kaisers vor Beckenbauer.

    Im Prinzip gilt das für fast alle “traditionellen” europäischen Alternativ-Heilverfahren, die aus der Mottenkiste für untaugliche Therapien den Weg hauptsächlich in die Heilpraktiker-Praxen gefunden haben. Wobei das Vakuum an Fachliteratur äußerst hilfreich war.

    Wo nichts ist, ist auch keine Kritik…

    Suchen Sie mal wissenschaftlich akzeptable Literatur zur Biochemie nach Schüssler, zur Homöopathie, zur Bachblüten-Therapie etc. aus der Zeit zwischen dem 2. Weltkrieg und den 1970er oder ´80er Jahren…

    Bei den Therapie-Verfahren aus dem orientalisch-asiatischem Kulturkreis ist die Situation noch problematischer. Die sind nämlich so gut wie überhaupt nicht mit wissenschaftlichem Denken in Berührung gekommen; was ihnen ebenfalls nicht zum Nachteil gereicht hat.

    Ganz im Gegenteil, gerade das von ihnen vertretene, archisch-mystisch-okkulte Weltbild, lieferte ja den gesellschaftskritischen Gegenentwurf zum technisierten, rationalen Denken westlicher Prägung.

    Man muss einfach feststellen, dass die Lokomotive “NewAge”, auf der Alternativheilerei, Naturmystik, Hardcore-Ökomanie, Patchwork-Spiritualität und nicht zuletzt, unreflektierte wissenschaftsfeindliche Maschinenstürmermentalität hocken, mit Volldampf den etablierten Wissenschaftsbetrieb überrollt hat; und nicht wenige der Wissenschaftler ihren Mund, vor lauter Staunen über dieses Phänomen, bis heute noch nicht zu bekommen haben.

    Nun hat sich zwar in den vergangenen Jahren eine kritische Szene entwickelt, die sich bewußt mit dem meist grotesken Blödsinn paramedizinischer Theorien auseinandersetzt, und dabei hervorragene und dringend nötige Aufklärungsarbeit leistet, aber manchmal hat man den Eindruck, angesichts der epidemischen Ausbreitung des Phänomens Alternativmedizin, dass das alles viel zu spät, und zu wenig konzertiert geschieht.

    Dabei gibt es ein wesentliches Problem: Es gibt – ganz eindeutig – immer noch viel zu wenig kritische Fachliteratur zur Quacksalber-Medizin. Und die wenigen Quellen erreichen nicht den Kreis derjenigen, die diese Bücher dringen lesen sollten.

    Dazu kommt, auf jede kritische Darstellung dürfte die hundertfache Menge an Jubellektüre erscheinen.

    Als ich vor etliche Jahren Colin Goldners “Psycho” bei Huggendubbel erwerben wollte, standen da zwar geschätze 50 Regalmeter Irrsinn, nur den Goldner mussten sie bestellen. Kritische Literatur zu dem Thema sei nicht gefragt, teilte mir die Buchhändlerin lakonisch mit.

    Ich hatte, hier in Berlin, vor kurzem ein Gespräch mit Prof. Martin Lambeck, bei dem es genau um diese Problematik ging. Im Grunde wäre es dringen Zeit für ein umfangreiches und detailliertes Kompendium der Komplemetärmedizin, unter Verwendung sämtlicher wissenschaftlicher Fakten.

    Da aber diese nicht in Sicht ist, schreibe ich Ihnen hier mal eine überschaubare Zahl von Quellen hin, die – zumindest nach meiner Erfahrung – ohne allzu großen zeitlichen Aufwand doch eine brauchbare Menge an Erkenntnis liefern.
    Zum Teil sind diese Bücher nur noch antiquarisch oder über öffentliche Bibliotheken erhältlich.

    – Prokop
    Die Grenzen der Toleranz in der Medizin

    – Prokop
    Homöopathie und Wissenschaft

    – Prokop
    Homöopathie – Was leistet sie wirklich ?

    – Prokop (et al)
    Medizinischer Okkultismus: Paramedizin

    – Prokop (et al):
    Wünschelruten, Erdstrahlen und Wissenschaft

    – Prokop, Wimmer
    Der moderne Okkultismus…Magie und Wissenschaft
    im 20. Jahrhundert

    – Oepen (et al)
    Unkonventionelle medizinische Verfahren:
    Diskussion aktueller Aspekte

    – Oepen, Sarma
    Parawissenschaften unter der Lupe

    – Oepen (et al)
    An den Grenzen der Schulmedizin : Eine Analyse umstrittener Methoden

    – Oepen, Prokop
    Aussenseitermethoden in der Medizin

    – Goldner
    Die Psycho-Szene

    – Goldner
    Psycho

    – Goldner
    Alternative Diagnose- und Therapieverfahren.
    Eine kritische Bestandsaufnahme.

    – Lambeck
    Irrt die Physik? : Über alternative Medizin und Esoterik

    – Singh, Ernst
    Gesund ohne Pillen – was kann die Alternativmedizin?

    – Berndt (et al)
    Der Pillendreh

    – Dierbach
    Die Seelenpfuscher: Pseudo-Therapien, die krank machen

    – Hopff
    Homöopathie: Kritisch betracht

    – Much
    Der veräppelte Patient? Alternativmedizin zwischen (Aber-)Glauben und Wissenschaft.

    Und zum guten Schluß gibt´s dann auch noch die Druckbetankung von den Kollegen von Esowatch:

    http://esowatch.com/ge/index.php?title=Zehn_Indizien_f%C3%BCr_Quacksalberei#Die_zehn_at-Indizien

    In diesem Sinne…

    • umamibuecher 16. April 2010 / 07:19

      Danke für den ausführlichen Kommentar. Aus der Bücherliste werde ich mir sicher das eine oder andere besorgen und manches an (Eso-gläubige) Freundinnen und Bekannte verschenken. Viele Grüße CT

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s