Peter Stamm: Sieben Jahre

Die Welt zu verändern suchen, wenn auch nur in Bruchstücken, um so das zu vergessen, was wir nicht besitzen können.

Alles hat sich wunderbar gefügt im Leben von Alex. Das Architekturstudium hat er erfolgreich abgeschlossen, die schöne Sonja, ebenfalls Architektin, hat ihn erwählt, das gemeinsame Büro läuft gut an. Beider Leidenschaft gilt der Arbeit, sie verstehen sich gut und führen eine vernünftige und erfolgreiche Beziehung. Was fehlt? Die Unvermeidlichkeit, das „Es muss sein“.

Iwona, eine illegal in Deutschland lebende Polin, hingegen liebt Alex grenzenlos und unerbittlich. Diese Liebe gibt ihrem Leben Sinn und wird nie hinterfragt. Auf unerklärliche Weise bindet sie Alex an sich. Sieben Jahre sehen sie sich nicht, dann wird sie Alex Geliebte:

„Es war nicht Lust, die mich an sie band, es war ein Gefühl, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr empfunden hatte, eine Mischung aus Geborgenheit und Freiheit.“

Iwonas Perspektivlosigkeit scheint Alex reizvoller als die Getriebenheit des eigenen bürgerlichen Lebens. Als in einer längeren Krise das Architektur-Büro Insolvenz anmelden muss, ist Alex fast erleichtert:

„Mein Abstieg war eine große Beruhigung nach Jahren der Anstrengung.“

Peter Stamm, der mit seinem Roman für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert wurde, ist ein wunderbarer Erzähler. Wie Stephan Thomes „Grenzgang“ wirkt die Geschichte aktuell, die Figuren scheinen gegenwärtig, der Autor ist zurückhaltend und uneitel. Es ist ein ganz ähnliches Setting (Menschen in den Vierzigern, die auf die erste Hälfte ihres Lebens zurückschauen und versuchen, dem Leben eine neue Wendung zu geben), aber Stamms Protagonist hat den leichten Weg gewählt und rutscht so ins falsche Leben, während Thomes Protagonist am Ideal gescheitert war und dieses Scheitern als Lebensgefühl kultivierte.

Sehr zu empfehlen, auch als Weihnachtsgeschenk für Männer (während Thomes Buch doch eher ein „Frauenbuch“ ist).

Peter Stamm: Sieben Jahre
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009
ISBN-10 3100751264, ISBN-13 9783100751263, 304 Seiten, 18,95 EUR

Advertisements

4 Gedanken zu “Peter Stamm: Sieben Jahre

  1. flattersatz 6. Dezember 2009 / 19:57

    Danke für deinen Kommentar bei mir….

    Mit den Zeitsprüngen, das kann ich so nicht nachempfinden, allerdings ist es bei mir ja auch schon ein paar Wochen her, daß ich das Buch las.

    Deprimierend ist jedenfalls, wie schlecht die Männer immer wegkommen, wenn man sich mal die Mühe macht, sie und ihr Verhalten zu analysieren…..

    viele grüße
    fs

  2. umamibuecher 7. Dezember 2009 / 08:23

    Der Konflikt des Protagonisten, der sich von einer schönen und erfolgsorientierten Frau in ein Leben hat hineinziehen lassen, dass er sich nie erträumte ist m. E. sehr gut dargestellt worden. Ich verstehe seine Affäre mit Iwona als Sabotageversuch des durchgeplanten, falschen Lebens.

    Ein Mann zwischen zwei Frauen (die eine schön, unterkühlt und karriereorientiert, die andere antriebslos und voller Gefühl), der es nie zum eigenen Lebensentwurf gebracht hat, ist natürlich ein armen Tropf.

    Aber vielleicht ensteht ja am Ende ein ganz neues Leben: als alleinerziehender Vater einer Tochter.

    • flattersatz 9. Dezember 2009 / 09:48

      Das ist wohl eine der Kardinalfragen des Lebens: welches ist das richtige, welches das falsche, wie entscheide ich das und wie lange stimmt das…

      Aber es stimmt, manchmal zerschlägt man ein Leben ohne von außen erkennbaren Grund, weil man merkt, es ist nicht das richtige, es fehlt zu viel…. und das, was fehlt, holt man sich woanders und treibt so die Zerstörung konsequent weiter…

      alleinerziehender Vater: das Ende auch dieses Lebensabschnitts ist vorgezeichnet, spätestens wenn die Tochter eigene Wege geht.

  3. umamibuecher 9. Dezember 2009 / 10:21

    Aber Kindererziehung lässt ja zum Glück auch die Eltern reifen. Wünschen wir mal dem Helden einen gelingenden Reifeprozess – vielleicht schreibt Peter Stamm irgendwann eine Fortsetzung.

    Gruß, Carmen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s