Rainald Goetz labert los

Darf man Goetz kritisieren? Der ist doch so intelligent, so hip, so crazy, der labert uns doch alle in Grund und Boden. Mit seinen Endlossätzen, seinen Beschimpfungen, seiner Aufgekratztheit.

Goetz war der erste, der sich während einer Lesung selbst verstümmelte, 1983 beim Bachmann-Wettbewerb. Er war mit seinem Internet-Buch „Abfall für alle“ der erste Blogger. Sein Buch „Rave“ veredelte die Techno-Szene, es waren demnach nicht einfach nur reiche Bürgersöhnchen und –töchterchen, die zugedröhnt und mit Papis Auto von München zur Fete nach Sylt düsten. Nein, feiern war unglaublich bedeutsam und er, Goetz, immer mittendrin, superstolz, dass er dabei war, obwohl damals eigentlich schon zu alt für die Szene.

Ich habe einen Abend seiner Poetik-Vorlesungen in Frankfurt 1998 miterlebt. Er lief die Bühne auf und ab. Laute Musik spielte. Was er uns über Textproduktion erzählte, war unverständlich. Unseld senior saß in der ersten Reihe, ich hatte Mitleid mit ihm.

Jetzt also „Loslabern“. Suhrkamp behauptet im Klappentext, es handele sich um eine Erzählung in drei Kapiteln. Ich kann keine Erzählung erkennen, das ist ungestalteter Text, also Gelabere. Die ZEIT ermöglichte Goetz im Oktober 2009 im ZEITmagazin-Literaturheft die Entstehung von „Loslabern“ passgenau zum Erscheinungsdatum zu skizzieren.

Loslabern: Goetz ist unterwegs, z. B. auf der Buchmesse 2008, Name-Dropping ohne Ende. Manchmal benutzt er nur Vornamen, der Leser ist doch selbst schuld, wenn er sich so wenig in der Szene auskennt. An anderer Stelle wird eine Frankfurter Studentin, die für die FAZ schreibt, mit ihrem vollen Namen genannt und kräftig denunziert. Einmal durfte Goetz an einer Medien-Veranstaltung teilnehmen und hat die Kanzlerin gesehen, wow!

„Kitschreaktionärheiten“ nennt Goetz die Texte von Botho Strauß und ich behaupte: Wenn Strauß den Stift in die Hand nimmt, entsteht Poesie, wenn Goetz seine Stichworte hinkritzelt, lesen wir die Gedanken eines chronisch Überhitzten.

Dennoch: Goetz hat eine große Fan-Gemeinde. Und auch mich rührt er stellenweise. Vielleicht weil er sich so schutzlos macht mit seiner Selbstoffenbarung, weil er zu brennen scheint.

Rainald Goetz: Loslabern, Suhrkamp Verlag, 187 Seiten, 17,80 Euro, ISBN-10: 3518421123, ISBN-13: 978-3518421123 c

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