Tschüss, Ihr da oben – Peter Zudeicks Antwort auf die Finanzkrise

Endlich stellt jemand das Menschenbild in Frage, dem seit Jahren nicht nur die sogenannten Liberalen, sondern auch die Stammtisch-Schwätzer huldigen. Josef Ackermann ist eine Ausnahme, Jürgen Schrempp und Klaus Zumwinkel sind Ausnahmen, die grenzenlose Gier, die Vollkasko-Mentalität, die Asozialität der Manager entsprechen nicht der Norm – diese Figuren sind nicht Abbild des Menschen. Und nein, es ist unwahr, dass die meisten Menschen genauso handeln würden, wenn sie könnten.

Peter Zudeick hat über den Wunsch der Menschen nach Gerechtigkeit geschrieben. So ein Buch war lange fällig.

In den ersten 50 Seiten breitet Zudeick die Fakten aus, die wir kennen und eigentlich nicht mehr hören wollen. Josef Ackermanns Gehalt hat sich in zwölf Jahren versiebenfacht. Klaus Kleinfeld erhielt von Siemens eine Abfindung von sechs Millionen und vom nächsten Arbeitgeber Alcoa eine Antrittsprämie von 6,5 Millionen.

Natürlich ist das obszön angesichts Tausender von Arbeitsplätzen, die gleichzeitig bei Siemens verlorengingen. (Wer heute den Kommentar von Robert von Heusinger in der Frankfurter Rundschau gelesen hat, mag angesichts der Rückkehr der Zocker an den Finanzmärkten verzweifeln an der herrschenden Wirtschaftspolitik:
Leitartikel: Heißes Geld außer Kontrolle)

Aber das Buch bietet mehr als eine Auflistung von Beispielen der Managergier und eine Abrechnung mit den Hartz-Reformen. Zudeick fragt nach bei den großen Philosophen: Was ist gerecht? Was bedeutet Gleichheit? Gibt es so etwas wie den Gerechtigkeitssinn?

Die sogenannten Liberalen glauben das nicht. Stellt jemand die Frage nach Angemessenheit z.B. von Managergehältern wird die „Neid“-Keule herausgeholt. Die sind doch alle nur neidisch, meint neben Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, auch der gerade wieder ins Gerede gekommene Philosoph Peter Sloterdijk.

Zudeick legt nun eine Reihe neuer Forschungsergebnisse vor, die dem egozentristischen Menschenbild ein kooperatives entgegenhalten. Soziale Anerkennung und positive Zuwendung setzen die größten Glücksgefühle frei, so die Ergebnisse eines Experiments von Neurobiologen. „Es gibt eine Rationalität des Miteinanders“ sagt Ernst Fehr von der Uni Zürich, der den Gerechtigkeitssinn bei Kindern im Alter zwischen drei und acht Jahren untersuchte.

Was kommt nach dem Kapitalismus? Wie könnte eine gerechte Gesellschaft aussehen? Wen diese Fragen interessieren, wer über die Empörung hinaus mehr will, etwas verändern und ja, vielleicht eine Utopie entwickeln, sollte unbedingt Zudeicks Buch lesen.

(Das erste Mal, dass ich einen Text von Peter Zudeick las, liegt lange zurück. Damals habe ich mit meinem Freund Axel ein Seminar mit dem Titel „Soziologische Interpretation utopischen Denkens“ bei Prof. Hack in Frankfurt a.M. belegt. Wir hatten uns für ein Referat mit dem Titel „Utopias Strahlen im Alltagsbewußtsein“ entschieden. Also lasen wir Bloch, Adorno und Marcuse sowie Zudeicks Bloch-Biographie „Der Hintern des Teufels“.
Seit dem denke ich jedes Mal, also wirklich jedes Mal in zig Jahren, wenn ich im Hessischen Rundfunk Zudeicks satirische Wochenrückblicke höre: Ach, das ist doch der Zudeick, der die Bloch-Biographie geschrieben hat.)

Peter Zudeick: Tschüss, Ihr da oben – Vom baldigen Ende des Kapitalismus
Westend Verlag, 232 Seiten, 16,95 Euro, ISBN-10: 3938060301,
ISBN-13: 978-3938060308

Nachtrag vom 24.11.09: Wie kurz der Weg von der Demokratie zur Bananenrepublik ist, zeigt die hessische Landesregierung im Fall der erfolgreichen und gerade deshalb gemoppten, verunglimpften und geschassten Steuerfahnder. Dahin kommen wir, wenn wir aufhören, Gerechtigkeit als Selbstverständlichkeit einzufordern. Zum Thema hat heute Matthias Thieme in der Frankfurter Rundschau einen sehr guten Leitartikel geschrieben:
Leitartikel: Der Wahn der Macht

2 Gedanken zu “Tschüss, Ihr da oben – Peter Zudeicks Antwort auf die Finanzkrise

  1. Ilona 30. November 2009 / 09:12

    wieder mal hochinteressant, wieviel frau hier doch lernen kann!
    LG Ilona

  2. clemens 9. März 2010 / 16:27

    Ich war bei Peter Zudeicks Vorstellung in der Moritzbastei. Eine fantastische Veranstaltung, bei der ich viel mitnehmen konnte. Natürlich musste ich mir gleich sein Buch kaufen. Die ersten Seiten habe ich bereits aufgesaugt. Unglaublich interessant und so geschrieben, dass ich am liebsten das Buch in einem Zuge durchlesen möchte. das ist nicht ganz möglich, aber heute geht es weiter. Ich kann das Buch richtig empfehlen. Viel Spass beim Lesen. Viele Grüße C.Sander

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