Gedenken an Dichterinnen der DDR

„Denn so ist das Leben in Deutschland geworden: Die einen haben Katzen, die anderen nichts und Ekel Konjunktur“ (frei nach Katja Lange-Müller)

In diesen Tagen, da sich zum zwanzigsten Mal der Mauerfall jährt, wird viel von der alten DDR geredet, gesendet und gedruckt. Vor einigen Tagen sah ich ein Porträt über Regine Hildebrand, das mich sehr gerührt hat. Ihre Tochter Frauke stand dem politischen Engagement oder, wie sie es beschrieb, der „Getriebenheit“ ihrer Mutter sehr kritisch gegenüber. Für Außenstehende aber war Regine Hildebrand eine ungewöhnliche, mutige und direkte Frau. Und nie werde ich vergessen, wie sie bei Alfred Biolek einen Frankfurter Kranz gebacken hat, noch Jahre nach der Wende mit Haferflocken und Margarine!

Ich hatte keine Verwandten in der DDR und keinerlei sonstige Bezugspunkte dorthin. Aber ich fand eines Tages in den 80er Jahren in einem Frankfurter Antiquariat einen kleinen Gedichtband von Gisela Steineckert: „Nun leb mit mir – Weibergedichte“. Wunderbare Gebrauchslyrik. Steineckerts Sprachmelodie hat mich in meiner Jugend lange begleitet.

„Würde mich einer lieben
wie ich geliebt werden will
der Tod wär wenig mehr als tiefer Schlaf
nach einem harten Tag
so aber steht das Ende aus und scheint unfassbar
wie denn und warum wenn noch gar nichts gewesen ist“

Gisela Steineckert, 1931 in Berlin geboren, war seit 1957 freischaffend. Neben den Büchern (Lyrik, Kurzprosa, Briefe) verfasste sie Liedtexte (Schlager, Chansons, Kinderlieder, Rockmusik ) für unterschiedliche Interpreten und arbeitete an Filmen der DEFA mit. (Quelle: Wikipedia) Für die Frauen aus der DDR scheint sie aber auch eine Art Briefkastentante gewesen zu sein, wie man dem Buch „Ich umarme dich in Eile“, entnehmen kann, dass 1992 erschienen ist.
Nicht lange nach der Wende erschien in der EMMA ein Interview mit Gisela Steineckert. Danach hab ich nie wieder von ihr gehört.

Eine andere Lyrikerin, die ich immer gern gelesen habe, ist Eva Strittmatter:

Bilanz
Wir alle haben viel verloren.
Täusche dich nicht: Auch ich und du.
Weltoffen wurden wir geboren.
Jetzt halten wir die Türen zu
Vor dem und jenem. Zwischen Schränken
Voll Kunststoffzeug und Staubkaffee
Lügen wir, um uns nicht zu kränken.
Und draußen fällt der erste Schnee…
Wir fragen kalt, die wir einst kannten:
Was machst denn du, und was macht der?
Und wie wir in der Jugend brannten….
Jetzt glühn wir anders. So nie mehr.

Eva Strittmatter, geboren 1930 in Neuruppin, studierte Germanistik, Romanistik und Pädagogik. Seit 1951 arbeitete Eva Strittmatter freiberuflich beim „Deutschen Schriftstellerverband“ der DDR als Lektorin. Ab 1952 veröffentlichte sie literaturkritische Arbeiten in der Literaturzeitschrift ndl. Von 1953 bis 1954 war sie Lektorin beim Kinderbuchverlag der DDR. Zudem wurde sie 1953 Mitglied des ndl-Redaktionsbeirates. Seit 1954 ist sie freie Schriftstellerin. Sie veröffentlichte eher unpolitische Werke, darunter vor allem Gedichte, aber auch Prosa für Kinder und Erwachsene. (Quelle: Wikipedia)

Meine Befürchtung, dass die beiden Dichterinnen in Vergessenheit geraten sind, hat sich aber nicht bewahrheitet. In diesem Jahr haben beide wieder einen Gedichtband veröffentlicht:

Gisela Steineckert: Liebesgedichte, 128 Seiten, Verlag: Neues Leben, ISBN-10: 3355017566, ISBN-13: 978-3355017565, EUR 12,90

Eva Strittmatter: Wildbirnenbaum – Gedichte, 138 Seiten, Verlag: Aufbau-Verlag, ISBN-10: 3351032730
ISBN-13: 978-3351032739, EUR 18,95

Nachtrag: Anfang Januar 2011 ist Eva Strittmatter gestorben. (siehe hier)

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Ein Gedanke zu “Gedenken an Dichterinnen der DDR

  1. Ilona 5. November 2009 / 13:14

    Hi,

    das Gedicht von Eva Strittmatter „Bilanz“ ist ja wunderschön.

    Klasse, so was hier zu entdecken!

    Bis bald,
    Ilona

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