„Selbstbedienungsmentalität der Oberschichten“

Heute hat die Frankfurter Rundschau ein sehr gutes Interview mit Sighard Neckel, Soziologie-Professor an der Uni Wien, zum schwarz-gelben Koalitionsvertrag veröffentlicht. Im Folgenden einige Auszüge:

FR: Während des Wahlkampfes sah es so aus, als liefe man Gefahr, die gesellschaftliche Dynamik in alten rechts/links-Dichotomien zu beschreiben. Geht es tatsächlich wieder um starre Festschreibungen von oben und unten?

Sighard Neckel: Und um die Mitte der Arbeitnehmerschaft. Die nämlich wird nicht weniger belastet, weil sie zwar höhere Sozialabgaben tragen soll, aber von den versprochenen Steuererleichterungen keine Vorteile haben wird, da sie kaum was zum Abschreiben haben. Es ist die Politik selbst, die die Unterscheidung von oben und unten immer wieder reproduziert, vor allem jetzt, wenn es darum geht, wer die Zeche für den Casinokapitalismus zahlen soll. Oben und unten – das ist keine linke Erfindung. Wenn der Arbeitgeberpräsident nun drastische Kürzungen im Sozialbereich fordert, nachdem die Steuerzahler die Banken erst kürzlich mit unvorstellbaren Milliardenbeträgen gerettet haben, dann ist das ein schönes Beispiel für die Selbstbedienungsmentalität der Oberschichten, die eben deswegen so laut „Haltet den Dieb“ schreien, weil sie in Wirklichkeit genau das tun, was sie anderen Sozialgruppen immer unterstellen: die Hand aufhalten und die anderen die Arbeit machen lassen.

FR: Es ist vielfach von der Notwendigkeit eines neuen Gesellschaftsvertrags die Rede. Was müsste da drin stehen?

Sighard Neckel: Seit man unter Gesellschaftsverträgen hauptsächlich „Fordern und Fördern“ versteht, ist diese Metapher arg heruntergekommen. Es wäre doch heute schon manches gewonnen, wenn in Wirtschaft und Politik die Regeln des bürgerlichen Rechts gelten würden. So wurde in der Finanzkrise das Haftungsprinzip des bürgerlichen Gesetzbuches einfach dadurch ausgehebelt, dass man die Haftungssummen möglichst weit nach oben verschoben hat. Mehr noch: Man wusste im Finanzsektor ja, dass die Politik die Banken nicht untergehen lassen würde, deshalb konnte man mit den eigenen Spekulationen ja auch so in die Vollen gehen. Entsprechend groß war der Schock bei der Pleite von Lehman Brothers. Heute zahlen wir die Rechnung dafür, dass wir gegenüber den Banken so mutlos gewesen sind.

Bestimmt lesenswert: Sighard Neckel: „Flucht nach vorn“, Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, campus Verlag, 210 Seiten, Euro 21,90

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