„Grenzgang“ von Stephan Thome – Das schönste Buch des Jahres

„Wie ein Netz mit Apfelsinen hält sie ihre Erinnerungen in den verschränkten Armen und fühlt, wie das Netz zu reißen beginnt, sieht sich schon in die Knie gehen und die Früchte einsammeln, die über den Boden rollen bis zu seinen Füßen.“

Kerstin Werner, eine geschiedene Mittvierzigerin und Thomas Weidmann, Verlegenheitslehrer, weil aus der Karriere als Historiker in Berlin nichts geworden ist, bilden das (mögliche) Paar, von dem das schönste Buch des Jahres handelt.

Heute morgen habe ich meine Liaison mit diesem Buch beendet und es schmerzte wie jede Trennung schmerzt. Es ist viele Jahre her, dass mich ein Autor mit seinem Debüt-Roman so begeistert hat – was sicherlich auch daran liegt, dass ich momentan genügend Energie für meine Literaturleidenschaft übrig habe.

Das letzte Mal, dass ich aufgeregt und mit gezückter Kamera auf einer Lesung erschien, als ginge es um das bedeutendste Ereignis des Jahres liegt lange zurück. Damals hieß der Autor Norbert Niemann, meine Kamera war noch analog und hatte den Vorteil, dass sich nicht ohne Vorankündigung ihr Akku leerte…

Niemanns Vortrag aus dem Roman „Wie man´s nimmt“, mit dem er 1997 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, hatte mich bei der TV-Übertragung des Literaturwettbewerbes gepackt. Da war Tempo, Aggression und Gesellschaftskritik. Ich besuchte seine Lesung im Frankfurter Literaturhaus. In den „Listen“ erschien eine hymnische Rezension von mir, Jahre später las ich – allerdings mit etwas weniger Begeisterung – seine „Schule der Gewalt“.

12 Jahre älter und mehrere Finanzkrisen später lobe ich das Einfühlungsvermögen, die Bereitschaft zur Akzeptanz anderer Lebensentwürfe und wie – Martin Lüdke in der Frankfurter Rundschau treffend schreibt – den „milden Blick“ auf die Verhältnisse, eben den „Grenzgang“ von Stephan Thome.

Ein Buch, das sich mit dem Scheitern beschäftigt, passt in die Zeit. Erfolglose Bewerbungsgespräche, drohende Kündigungen, Insolvenzen und die sich im Laufe des Lebens einstellenden Verletzungen, die aus unseren eigenen Entscheidungen erwachsen – dazu müssen wir uns verhalten, auf selbstbeschützende Weise.

Aggression und Widerstand leistet sich, wer auf sicherem Terrain ist. Damals, als die Grünen noch links, die Gewerkschaften stark waren und kein normaler Mensch freiwillig in ein Reihenhaus gezogen wäre, damals schaute man mit Verachtung aufs bürgerliche Glück – heute wünscht sich jeder ein kleines Stück Sicherheit.

„Ich bin hiergeblieben“, sagte er, „weil sich beruflich die Möglichkeit ergeben hat und weil es sich für eine relativ kurze Zeit richtig angefühlt hat, diesen Bruch zu vollziehen. Ihnen stößt etwas zu, und statt sich dagegen zu stemmen, geben Sie der Veränderung nach, folgen ihr noch ein Stück weiter, als Sie gezwungen worden sind. Letztlich ein Versuch, die Hoheit über das Geschehen zurückzugewinnen, weil Sie am Ende an einem Punkt landen, zu dem Sie aus freien Stücken gelangt sind. Das Maß Ihrer Freiheit sozusagen. Es fragt sich aber, wie lange Sie sich nähren können von dem guten Gefühl, Ihr Schicksal selbst bestimmt zu haben. Oder anders gefragt: Wie lange ist die Halbwertszeit von Stolz?“ . So Weidmann zu seiner Entscheidung, das berufliche Scheitern durch Rückkehr in die provinzielle Heimatstadt offen einzugestehen.

Das alle sieben Jahre stattfindende Heimatfest Grenzgang bildet den Rahmen des Romans. Drei Tage wird gefeiert, es ist leicht, sich zu verlieben und das hat Folgen – mindestens für die nächsten sieben Jahre. Die beiden Protagonisten passen nicht hierher, sind sich ihrer Fremdheit bewusst, aber sie bleiben.

Das Besondere an Thomes Roman ist sein Ton. Der Autor nimmt sich selbst zurück und seine Figuren ernst. Ob Thome einen Schuldirektor oder eine Swinger-Club-Besucherin beschreibt, sein milder Blick legt sich wohltuend über die Schwächen der Menschen. Nur seine Heldin Kerstin begehrt auch noch am Ende der Geschichte auf gegen diese „Nachsicht mit sich selbst“. Und da möchte man sagen: Kerstin, sei doch nicht so hart – das Leben ist es ohnehin.

Stephan Thome, der in Taiwan lebt und arbeitet, wurde mit seinem Roman für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert.

„Grenzgang“ von Stephan Thome, Suhrkamp Verlag, 454 Seiten, Euro 22,80

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