Macht die digitale Welt dumm?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Literatur nahezu jedes Schicksal erträglicher macht. Solange man sich in die Welt der Bücher flüchten kann, gibt es einen sicheren Ort – für jeden. Bevor ADHS und Hochbegabung in Mode kamen, gab es Bücherwürmer. Wer ein schüchterner Schüler war und keine Freunde hatte, hatte Karl May. Und auch für das Alter hat die Literatur ein warmes Plätzchen parat.

Doch die digitale Welt scheint unsere Lesefähigkeit langsam zu zerstören. Immer schneller, immer kürzer, aber auch immer inhaltsleerer werden die Informationen, die uns überfluten.

Gestern wurde in der FAZ das Buch von Maryanne Wolf: „Das lesende Gehirn – Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in den Köpfen bewirkt“ besprochen. Die Leseforscherin Wolf erklärt anhand der Erkenntnisse der Hirnforschung, wie sich die Architektur des Gehirns durch das Lesen lernen verändert und wie unterschiedlich die Gehirne von Lesern und Nichtlesern sind.

„Was bedeutet es für unser inneres Erleben, dass wir lesen? Es heißt, sich in eine fremde Gedankenwelt hineinzuversetzen, sich Vorstellungen hinzugeben, die man im alltäglichen Leben nicht riskieren würde“, schreibt der FAZ-Autor Thomas Thiel.

Aber dieses Leseerlebnis scheint in Gefahr: „Wie Sokrates seinerzeit vor dem Übergang von der gesprochenen zur geschriebenen Sprache gewarnt hatte, (…) so stehen wir heute zwei konkurrierenden Formen des Lesens gegenüber: dem scannenden, informationsverarbeitenden Lesen, zu dem uns die Informationsflut des Alltags drängt, und dem vertieften, interpretierenden Lesen“, so Thiel.

Wolf fürchtet, dass digital sozialisierte Kinder die Fähigkeit des tiefen Lesens und die dafür erforderliche Hirnstruktur gar nicht mehr herausbilden können. Es braucht also eine besondere Anstrengung, damit diese Lesefähigkeit nicht verloren geht.

Die Autorin Wolf hat bei sich selbst beobachtet, wie fragil die Fähigkeit des vertieften Lesens ist. Wer beruflich viel Digitales liest, braucht ja den schnellen Blick – lohnt es sich weiterzulesen? – um der Flut Herr zu werden. Die Bereitschaft, fremde Erfahrungen auf sich wirken zu lassen, die Bereitschaft zum Assoziieren, wie sie automatisch beim Vertiefen in Erzähltes einsetzt, geht aber so unter Umständen verloren.

Bestimmt ein interessantes Buch, über das sich zu diskutieren lohnt:

„Das lesende Gehirn“ Wie der Mensch zum Lesen kam – und was es in den Köpfen bewirkt, von Maryanne Wolf, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2009, 26,95 Euro

Nachtrag: Heute (6.10.09) in der Kolumne von Karin Ceballos Betancur in der Frankfurter Rundschau gelesen:

Am Flughafen von Buenos Aires wurde ich unlängst Zeugin folgender Unterhaltung in der Warteschlange: Mutter zu ihren beiden augenscheinlich volljährigen Söhnen: „Da vorne gibt es die FAZ – wollt Ihr eine?“ – Die volljährigen Söhne: „FAZ – was´n das?“ – Die Mutter: „Die Frankfurter Allgemeine.“ – Die volljährigen Söhne: „Ach so.“ – Schweigen. Die volljährigen Söhne: „Und wofür steht das Z?“

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