Ich bin auch ein Arbeitermädchen!

Wie wir heute in der Frankfurter Rundschau lesen konnten ist Andrea Nahles ein Arbeitermädchen, Renate Künast auch, Ypsilanti sowieso, ich auch. Ob ich Andrea Ypsilanti gewählt hätte, wenn sie kein Arbeitermädchen wäre, ist heute natürlich eine müßige Frage – wahrscheinlich ist aber, dass der Offenbacher Bub Tarek Al Wazir bei den Hessenwahlen 2008 und 2009 noch ein wenig besser abgeschnitten hätte, hätte Ypsi ihre Herkunft nicht als Glaubwürdigkeitsmoment in den Wahlkampf eingebracht. Und sie tat gut daran.

Wer in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in der BRD geboren wurde, löffelte schon mit den Haferflocken die Ideologie der Leistungsgesellschaft. „Den Kindern soll es einmal besser gehen“ war der herrschende Leitsatz von Eltern, die als ArbeiterInnen ihr Geld verdienten. Staatliche Wohlfahrt anzunehmen, war in diesen Familien verpönt. Der klassische Berufsweg ihrer besonders begabten Kinder war erst die Berufsausbildung, danach der zweite Bildungsweg und das Studium. Oft waren sie die allerersten in der Generationenfolge, die sich „bürgerliche“ Bildung aneigneten. Es war ein harter Weg und wer im vergangenen Jahr den Anwaltssohn Roland Koch gehört hat, wie er sich über Ypsilantis hessisches Idiom lustig gemacht hat, konnte eine Ahnung davon gewinnen, was es für Arbeitertöchter bedeutet hat, sich plötzlich im bürgerlichen Milieu zu bewegen.

Frauen, die diesen Weg gegangen sind und weiter, nämlich in die Politik und sich dort gegen ihre männlichen Kollegen durchgesetzt haben, traue ich zu, dass sie mit Leidenschaft für ihre politischen Ideen kämpfen. Sie sind der Gegenpart zu Politikern wie dem JU-Vorsitzenden Philipp Mißfelder, der sich – wie er selbst zugibt – nicht für Inhalte sondern nur für die politische Karriere interessiert und dem Intriganten Jürgen Walter, dem die programmatischen Ziele der SPD doch eher ein Klotz am Bein zu sein schienen.

Die „Arbeitermädchen“ in der Politik sind deshalb so wichtig für unsere Demokratie, weil sie zum einen über Sensibilität für die Schwachen in der Gesellschaft verfügen und gleichzeitig als Vorbild für den möglichen Bildungsaufstieg wirken können.

Hintergrundliteratur:

„Vielleicht wär ich als Verkäuferin glücklicher geworden“ Arbeitertöchter und Hochschule von Gabriele Theling

„Ich gehörte irgendwie so nirgends hin“ Arbeitertöcher an der Hochschule von Hannelore Bublitz

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