„Die Vier – Eine Intrige“ von Volker Zastrow

Keine Heldengeschichte

Das Buch „Die Vier – Eine Intrige“ lässt mich einigermaßen ratlos zurück. Dass die vier Abgeordneten, die im November 2008 den ersehnten Politikwechsel in Hessen verhindert haben, keine Helden sind, stand doch für den aufmerksamen politischen Beobachter von Anfang an außer Frage. Jürgen Walter hat mit seinen Helferinnen Carmen Everts, Silke Tesch und Dagmar Metzger die Wahl Ypsilantis zur Ministerpräsidentin platzen lassen, weil er in einer rot-grünen Regierung nicht Wirtschaftsminister geworden wäre. Das war damals schon offensichtlich – nur für Teile der (konservativen) Presse nicht. Volker Zastrows Recherchen – er führte in den vergangenen Monaten viele Interviews mit den Beteiligten und fast allen, die unmittelbar involviert waren – ergaben genau dies.

Was nicht bekannt war, ist die herausragende Rolle, die Carmen Everts gespielt hat. Gestern Abend berichtete die Hessenschau, dass Everts von ihrem Job als Referentin bei der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag freigestellt wurde und zwar aufgrund Zastrows Recherchen. Everts war nicht nur seit der Schulzeit mit Walter befreundet, sie waren enge Vertraute, besprachen jeden politischen Schritt. Zastrow beschreibt Walter als Spieler und Karrieristen, Everts als fleißig und manipulierend. Metzger und Tesch wurden demnach von Everts benutzt und durchschauten die Inszenierung nicht.

Gewissensnöte? Bei Silke Tesch und Metzger ja, glaubt Zastrow, bei Walter und Everts hingegen handelt es sich um einen Rachefeldzug aus Hass und Enttäuschung. Das politische Paar hatte im Sommer nicht nur Ypsilanti gedrängt, einen weiteren Versuch zu starten, doch noch mit Hilfe der Linken gewählt zu werden, sie waren auch federführend bei den Vorbereitungen. So nah waren sie ihrem Ziel, dem Wirtschaftsministerium! Weil aber die Grünen in den Koalitionsverhandlungen auf dem Umweltministerium beharrten, sollte Scheer das Wirtschaftsministerium bekommen und Walter ein neu zugeschnittenes Verkehrsministerium. Walter sah rot. Nicht nur, dass Ypsilanti statt seiner Ministerpräsidentin werden sollte, er bekam nicht mal den Trostpreis. Der dadurch ausgelöste Furor endete in der berühmten Pressekonferenz.

Zastrow wollte ursprünglich ein Buch über eine „mutige“ persönliche Entscheidung von vier Abgeordneten schreiben. Es wurde ein Buch über die Schwäche der SPD. Zastrow, der das Politik-Ressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung leitet, mag keine Linken. Weder in der SPD noch sonst wo. Zastrow spricht gerne vom zentralen Wahlversprechen der SPD im Landtagswahlkampf 2008. Aber er meint damit nicht dasselbe wie die Wähler, die der SPD und vor allem Ypsilanti ihre Stimme gegeben haben. Das zentrale Wahlversprechen war der Politikwechsel, eine andere Energiepolitik und endlich eine bessere Bildungspolitik. Ob mit oder ohne Duldung ehemaliger SPD-Mitglieder, die wegen der Agenda 2010 aus der SPD ausgetreten sind und jetzt für die Linken im Landtag sitzen, war für den Großteil der Wähler überhaupt nicht relevant und wurde erst von der BILD und konservativen Zeitungen zum großen Thema gemacht.

Dennoch ist gerade SPD-Mitgliedern die Lektüre des Buches angeraten. Zastrows Beschreibung eines Parteitages der Frankfurter SPD müsste den Beteiligten die Schamröte ins Gesicht treiben.

Das Buch erzählt wenig über Politik aber viel über die Menschen, die versuchen, Politik zu machen. Es gibt dort ehrliche Menschen mit Überzeugungen, die sich nach jahrzehntelanger ehrenamtlicher Arbeit ein Mandat erkämpft haben, es sind Egozentriker dabei, die die Medienöffentlichkeit brauchen wie Atemluft, es gibt Einsame, für die die Partei das ganze Leben ist.

Wo bleibt da eigentlich die politische Idee? Ach, das interessiert ja eh keinen mehr! Der Dummy Karl-Theodor zu Guttenberg ist Deutschlands beliebtester Politiker und die Faulste Deutsche Partei hat hohe Stimmenzuwächse, obwohl deren Ideologie die Welt erst in die Finanzkrise getrieben hat. Der deutsche Wähler denkt nicht an morgen, er kassiert lieber heute die Abwrackprämie. Oder?

Volker Zastrow: Die Vier – Eine Intrige
rowohlt BERLIN
Hardcover, 416 S.
19,90 Euro, ISBN 978-3-87134-659-0

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2 Gedanken zu “„Die Vier – Eine Intrige“ von Volker Zastrow

  1. Günther Seib 28. August 2009 / 09:56

    Volker Zastrow führt uns nochmals einen gnadenlosen innerparteilichen Machtkampf vor Augen, wie ihn die hessische SPD seit Bestehen nicht gekannt hat. Allein dies ist es schon wert, erneut mit etwas Abstand über die Tage, Wochen und Monate des Jahres 2008 nachzudenken. Die Fakten des politischen Tagesgeschehens sind uns weitgehend bekannt. Das Interesse und die Berichterstattung der regionalen und überregionalen Presse waren groß.
    Hier stehen weniger die Umstände, Wahlprogramme und Parteien im Vordergrund. Nicht dass die Linke darauf bestanden hätte, wesentliche Eckpunkte aus der Koalitionsvereinbarung mit den Grünen zu streichen, oder etwa unzumutbare Punkte ihres Wahlprogramms zu übernehmen. Nein, auch nach der Lektüre hat der Interessierte den Eindruck, die Kritik an der Linken ginge nicht über das Kneipenniveau hinaus: Linke – SED – DDR – Bautzen – Stacheldraht.
    Im Buch ist immer wieder die Rede von Ypsilantis Wortbruch und der Unmöglichkeit eines Gesprächs mit ihr. Von Andreas Schwierigkeit im Umgang mit Menschen, auf die sie nicht zugehen könne … von ihrer Verschlossenheit aber auch von ihrem Machtstreben. Ihrer elemtaren Rolle in diesem wichtigen Abschnitt der Sozialdemokratie unserer Tage und ihrer komplexen Persönlichkeit wird Zastrows Werk nicht annähernd gerecht. Das lag wohl – siehe Titel – auch nicht in seiner Absicht. Ganz am Rande verschwindend wird eingeräumt, dass Ypsilanti auch im Wort stand, die Ära Koch zu beenden, die mit niederträchrigen Mitteln, einer schändlichen Unterschriftenkampagne und einem Spendenskandal, der seinesgleichen – Gott sei Dank – nicht hat (”jüdische Vermächtnisse”) gestartet ist.
    „Die Vier” sind eine Minderheit in der Fraktion gewesen, die sich mit ihrer Niederlage auch auf Parteitagen nicht abgefunden hat. Sie kämpften nicht gegen den politischen Gegner, sondern gegen die eigenen Leute.

    • umamibuecher 1. September 2009 / 14:00

      Ja, so ist es. In diesen Tagen steht ohnehin für die Menschen im Rhein-Main-Gebiet ein ganz anderer Wortbruch im Vordergrund, der im Gegensatz zu Ypsilantis Wortbruch konkrete Folgen hat. Jahrelang war Konsens, dass der Flughafenausbau in Frankfurt den Menschen nur zuzumuten ist, wenn die erhöhte Lärmbelastung am Tag durch ein verbindliches Nachtflugverbot ausgeglichen wird. Auch Roland Koch (CDU) und Jörg-Uwe Hahn (FDP) haben das immer betont.

      Es war der heutige hessische Justizminister Hahn, der das Nachtflugverbot beim Flughafenausbau als die „untrennbaren zwei Seiten einer Medaille“ bezeichnet hat. Der alte und neue hessische Ministerpräsident Roland Koch versprach jahrelang: „Ohne Nachtflugverbot kein Flughafenausbau“.

      Jetzt, nachdem der Hessische Verwaltungsgerichtshof das Nachtflugverbot als Ausgleich für die Bevölkerung bestätigt hat, melden sich Hahn und der FDP-Bundestagskandidat Gerhardt plötzlich mit ganz anderen Tönen zu Wort. Der Wirtschaft sei das Nachtflugverbot nicht zumutbar, meint Gerhardt. Hahn will sogar vor dem Bundesverfassungsgericht dagegen klagen.

      Das ist ein Wortbruch, der vielen fluglärmgeplagten Menschen in Frankfurt und der Region den Schlaf kosten wird.

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