Richard Sennett: Verfall und Ende des öffentlichen Lebens

Das vor mehr als 30 Jahren erstmals und in letzter Auflage im Dezember 2008 erschienene Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität“ von Richard Sennett hat mich sehr beeindruckt. Eine umfassende Würdigung traue ich mir angesichts der Komplexität dieser kultursoziologischen Untersuchung nicht zu. Ich werde stattdessen einige mich besonders überzeugende Thesen Sennets mit Assoziationen versehen und hoffe, dass viele LeserInnen sich die lustvolle Mühe machen, das Werk (nochmals) zu lesen.

Die moderne Gesellschaft ist unzivilisiert. Sennett definiert „Zivilisation“ als die Fähigkeit, mit den anderen so umzugehen, als seien sie Fremde, und über diese Distanz hinweg eine gesellschaftliche Beziehung zu ihnen aufzunehmen. „Unzivilisiert“ ist es, andere mit dem eigenen Selbst zu belasten.

–> Die Bekannte, die bei jedem Treffen sofort und ungefragt zu einer ausgiebigen Erörterung des eigenen Seelenzustandes anhebt, ist noch die milde Form dieser Unzivilisiertheit. Menschen, die sich in billigen Talkshows vor Publikum bloßstellen, Mobiltelefonnutzer, die in öffentlichen Verkehrsmitteln laut über intime und banale Dinge sprechen, aber auch das „Zwangsduzen“ bei IKEA fällt unter diese Kategorie.

Selbst-Enthüllung wird zum universalen Maßstab von Glaubwürdigkeit und Wahrheit

–> Das Thema „Selbstoffenbarung“ hat auch Christa Thürmer-Rohr in ihrem Essay-Band „Verlorene Narrenfreiheit“ (1994) beschäftigt, in dem sie sehr provokant über den weiblichen Egozentrismus geschrieben hat. Verärgert über die breite feministische Strömung, in der Frauen ihr Heil in der Selbstfindung, im Therapismus und in der Arena der Ich-Spiegelung suchen, schreibt sie: Wie kann die Weltarmut überwunden werden, wenn alle nur in sich hineinsehen, welche Welt soll sich da finden?
Sennett hält diese narzißtische Hinwendung zum eigenen Selbst für universal. Die Folge ist, dass die Menschen auch beim Anderen ausschließlich auf Authentizität und Motivation achten. Problematisch ist dies v.a. für die Beziehung zwischen Politikern und Wählern. Nicht, was der Politiker tun will, wenn er an der Macht ist, ist die Frage, sondern wie er seine Persönlichkeit darstellt. Sennett nennt als Beispiel den Politiker, der mit einer Arbeiterfamilie zu Mittag ist, worüber alle Medien schreiben, keiner erwähnt aber, dass dieser Politiker zur selben Zeit Lohnsteuererhöhungen vornimmt.

Im aktuellen Wahlkampf lässt sich die persönlichkeitszentrierte Sichtweise bei sämtlichen Kandidaten-Interviews beobachten. Die (wunderbare) Kolumnistin der Frankfurter Rundschau, Mely Kiyak, hat sich am vergangenen Samstag, 8.8.09, über diese Form des Fernsehjournalismus erregt. Das ZDF hatte ein Porträt des SPD-Kanzlerkandidaten angekündigt, stattdessen aber einen Film abgeliefert, in der der Kandidat von allen Befragten als „sympathisch“ bezeichnet wurde. Reicht das schon aus, um Kanzler zu werden?

Die zivilisatorische Kraft der Stadt als Schauplatz menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten bleibt ungenutzt. Die Städte als Brennpunkte aktiven gesellschaftlichen Lebens leiden unter dem Primat der ungehemmten Bewegungsfreiheit des Auto fahrenden Individuums. Der öffentliche Raum wird bedeutungslos, die Stadt wird nur noch durchfahren. Die Möglichkeit, die das städtische Leben bietet, die Vielfalt der Erfahrungen und Interessen, die Chance, sich vom Fremden berühren und verändern zu lassen, geht so verloren.

–> In Frankfurt am Main versucht der grüne Verkehrsdezernent Lutz Sikorski die Aufenthaltsqualität auf öffentlichen Plätzen und Straßen zu erhöhen. So wurde z.B. die Hauptwache für Autos gesperrt, in einem Modell-Stadtteil wurden Straßen als „Vernetzte Spiel- und Begegnungsräume“ ausgewiesen, deren Zweck es ist, den Fußgängern ihre Stadt zurückzugeben. Solange allerdings die Stadtplanung in den Händen eines CDU-Mannes ist, der seine Aufgabe darin sieht, Investoren das Leben zu erleichtern, ist an eine Wiederbelebung des Flaneurs nicht ernsthaft zu glauben.

Carmen Treulieb

http://www.buecher.de/shop/Fachbuecher/Verfall-und-Ende-des-oeffentlichen-Lebens/Sennett-Richard/products_products/detail/prod_id/23602366/

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