Dresden, Erich Kästner und die Gehwege im Osten

Sehr schön ist der Text von Tobias Rüther „Wessis in Sachsen“ im FAZ-Feuilleton Bilder und Zeiten vom vergangenen Wochenende. Nachdem ich ihm kürzlich bei seiner Suche nach den Linken Humorlosigkeit attestiert habe, muss ich seinen aktuellen Text loben. Der Blick des Wessis, der wegen der Liebe West-Ost-Pendler geworden ist, ist freundlich, anteilnehmend und anerkennend. „Ich bin ja nur zugezogen zu Leuten, die einmal auf den Kopf und wieder zurückgestellt worden sind und sofort alles können mussten“, schreibt Rüther über seine neuen Landsleute. Über diese Anpassungsleistung und wie sich die „Ossis“ trotzdem ihre Identität bewahrt haben, wird viel zuwenig gesprochen.

Auch seine (einzige) Kritik an den ostdeutschen Lebensverhältnissen kann ich bestätigen: Die Gehwege sind unmöglich! Radebeul z.B., die reiche Nachbarstadt von Dresden, verfügt im Villenviertel über fast keine befestigten Gehwege – das Mobilitätsverhalten der dort Ansässigen ähnelt dem des Bad Homburgers: Man fährt direkt mit dem Porsche in die eigene Einfahrt. Schulwegsicherheit, Fußgängerrechte interessieren nicht.

Da dies ja hier ein Bücher-Blog ist, muss ich noch die Kurve kriegen zu einer Buchempfehlung und die heißt heute: „Als ich ein kleiner Junge war“ von Erich Kästner. Ich las das Buch in Radebeul in einer bezaubernden Ferienwohnung mit Blick auf Dresden. Die Wohnung verfügte über eine interessante Bibliothek und bestätigt damit auch ein Klischee über Ostdeutsche, nämlich dass sie sehr viel mehr und besser lesen.

Von Kästners Kindheitsbeschreibungen hat mich vor allem eine Geschichte berührt. Er erzählt, dass es nur einen Tag im Jahr gab, an dem er sein Los als Einzelkind bedauerte und das war Heilig Abend. Wochenlang bereiteten sich die Eltern auf diesen Tag vor, jeder Elternteil für sich überlegte sich Geschenke für ihn und arbeitete fieberhaft bis zum letzten Moment. Erichs größte Sorge am Weihnachtsabend war nun, dass jedes Geschenk die gleiche Aufmerksamkeit von ihm erhielt, damit kein Elternteil gekränkt war.

Kästner erinnert uns daran, dass Liebe, Fürsorge und Zeit ein Kind glücklich machen und nicht Musikschulen, Kletterkurse und Markenklamotten.

http://www.amazon.de/Als-ich-ein-kleiner-Junge/dp/3791530100#

Carmen Treulieb

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