Jonathan Coe: Der Regen, bevor er fällt

Gill erhält nach dem Tod ihrer Verwandten Rosamond vier C 90-Kasetten und hört sie sich mit ihren beiden Töchtern an. Eine interessante Konstruktion, denn Rosamond erzählt die Geschichte ihres Lebens anhand von 20 Fotos. Die Distanz, die dieser Kunstgriff anfangs zwischen Leserin und den Protagonistinnen schafft, weicht im Laufe des Romans angesichts Coes einfühlsamem Blick in die Zerrissenheit seiner Figuren.

Es ist eine melancholische und bisweilen romantische Geschichte. Coes Heldin kommt gegen Ende zu einer Erkenntnis, die man auch als Reife bezeichnen könnte:

„Ich glaube, (…) dass das Leben erst dann anfängt, einen Sinn zu ergeben, wenn man begreift, dass manchmal – oft – immer – zwei sich völlig widersprechende Vorstellungen wahr sein können.“

Die Rezensentin der Frankfurter Rundschau, Julika Griem, nennt „Der Regen, bevor er fällt“ einen Frauenroman. Es ist richtig, dass Coe auf eine Weise schreibt, die man eher einer Frau zutraut. Das liegt vielleicht daran, dass er sich als Mann zurücknehmen kann. Während bei Autoren wie Philipp Roth oder Milan Kundera die Männlichkeit aus allen Seiten quillt – in neurotischer Form als verunsicherte, gekränkte Männlichkeit oder egozentrisch als der ewige Verführer – scheint Coe über ein gesundes Selbstbewusstsein und ein großes Einfühlungsvermögen zu verfügen.

Ich erinnere mich vor Jahren eine Reportage über ihn gesehen zu haben, damals sollte eines seiner Bücher verfilmt werden. Man sah Coe in der kleinen Souterrain-Wohnung, in der er schrieb und mittags im Pub mit seinem Freund. Um fünf verließ Coe die Wohnung und ging nach Hause zu Frau und Kind. Ein angenehmer, zurückhaltender, unaufgeregter Mensch. Seit damals kaufe ich mir immer sofort sein neues Buch.

Ich muss zugeben, dass ich ein klein wenig enttäuscht war, dass der neue Roman überwiegend auf der Ebene familiärer Konflikte bleibt. Meine Lieblingsbücher von Coe bleiben die gesellschaftskritischen und witzigen Romane „Allein mit Shirley“ und „Erste Riten“.

Dennoch ist „Der Regen, bevor er fällt“ sehr zu empfehlen, denn der Roman erinnert uns daran, dass es nur wenige perfekte Momente im Leben gibt und dass sie manchmal das Einzige sind, woran man sich halten kann.

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