„Der macht doch nur Spaß“ – Noch ein Text zu Jan Fleischhauers „Unter Linken“

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich in ihrer gestrigen Ausgabe (29.6.09) überraschend ernsthaft mit dem Buch „Unter Linken – von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ auseinandergesetzt.

„Sind sie ein Linker?“, fragt der Autor Tobias Rüther verschiedene Zeitgenossen, wie den Grafiker Klaus Staeck sowie Schriftsteller wie Rolf Hochhuth und Eva Menasse und erhält erwartbare Antworten.

Was am meisten überrascht, ist die Humorlosigkeit, mit der sowohl Rüther als auch die Befragten den Titel von Fleischhauers Buch verstehen.

„Der macht doch nur Spaß“ möchte man da rufen. Fleischhauer beschreibt seine späte Loslösung von der linken Mama und sagt erstaunlich viel Wahres über die Engstirnigkeit des linken Milieus. Mich hat das sehr amüsiert und ich könnte dazu noch etliche Beispiele aus meiner großstädtischen Jugend liefern.

So erinnere ich mich an einen befreundeten Sozialarbeiter, der mich unsozial schalt, weil ich eine Einzimmerwohnung dem WG-Leben vorzog. Gleichzeitig erzählte er stolz, dass er mit seinen WG-Genossen durch Intensivklau eine Supermarktfiliale zum Schließen gezwungen hatte – kein Gedanke an die Nachbarn, die nun weite Wege zum Einkaufen fahren mussten. Oder an eine Diskussion mit linken, Palästinensertuch tragenden Freunden, die auf den Satz vom Existenzrecht für Israel süffisant antworteten, die Juden lebten doch gerne in der Diaspora. Die Selbstgerechtigkeit dieses Milieus und die dadurch entstehende Denkfaulheit ist ärgerlich, und es schadet nicht, sich ein wenig von Fleischhauer provozieren zu lassen.
Wie sieht eine linke Position aus, die Menschen in Armut helfen will, ohne ihnen die Regie für das eigene Leben zu nehmen? Wir brauchen mehr Kreativität in sozialen Notlagen und nicht für jedes Problem eine staatliche Maßnahme, sagte kürzlich eine ehrenamtliche Helferin bei einer Veranstaltung der Frankfurter Rundschau. Aber da ist man ganz schnell bei Hartz IV-Kochkursen und da traut sich dann keiner mehr weiterzudenken, geschweige denn zu reden.

Dass es bei Fleischhauers Buch eben gerade nicht um den Inbegriff des überzeugten Linken geht, wie ihn z.B. der Gewerkschaftssekretär darstellt, macht er ja schon in der Einleitung deutlich. Fleischhauer redet in erster Linie von der Toskana-Fraktion, wo die Überzeugung wenig bedeutet und nichts kostet.

Ich empfehle Fleischhauers Buch, weil es viele Lesarten erlaubt. Dass sich der Leser nach dem ersten Ärger und dem zweiten Lacher mit den Irrtümern des Zeitgeistes z.B. beim Thema Integration und Bildung beschäftigen muss, gehört eindeutig zu seinen Vorzügen.

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