„Schulkummer“ von Daniel Pennac

Daniel Pennac hat ein Buch über Schulversager geschrieben, über den „Cancre“ (Krebs, Krabbe), wie die Franzosen einen schlechten Schüler nennen, der er einst selbst war. Pennac, der für „Schulkummer“ den Prix Renaudot erhalten hat, hat über 20 Jahre als Lehrer gearbeitet und schreibt heute Kinder- und Jugendliteratur.

Schulkummer ist auch ein Buch über die Lust an der Sprache und den Schutz, den sie bietet. Einer Mutter, die sich dagegen verwehrt, dass ihr Sohn in der Schule auswendig lernen soll, antwortet Pennac:

„Ihr Sohn, Madame, wird nie aufhören ein Kind der Sprache zu sein, und Sie selbst ein winziger Dreikäsehoch, und ich ein lächerlicher Knirps, und wir alle zusammen kleine Fische, mitgerissen vom großen, der mündlichen Quelle der Literatur entsprungenen Strom, und es wird ihrem Sohn gefallen zu wissen, in welcher Sprache er schwimmt, was ihn trägt, ihn verändert, ernährt, und selber – und mit welchem Stolz – Träger dieser Schönheit zu werden. (…) Das Wissen ist zuallererst körperlich. Es sind unsere Ohren und Augen, die es aufnehmen, unser Mund, unsere Zunge, die es weitergibt“.

Die Leidenschaft, mit der Pennac hier das Einverleiben von Texten verteidigt und das Beharren auf den Wert der Bildung als Befreiung aus dem Gefängnis der Unwissenheit, machen das Buch so lesenswert. Man muss kein Schulversager gewesen und auch nicht Eltern eines Kindes mit Schulproblemen sein, um aus Pennacs Erfahrungen zu lernen.

Pennac hält nichts davon, bei „Cancres“ psychologisch zu intervenieren. Die Schüler in die Gegenwart holen, in die Schulstunde, in das Fach, das gerade unterrichtet wird und völlig präsent sein, das ist seine Methode – welche Kniffe und Tricks hierfür nötig sind, beschreibt er sehr anschaulich.

Im zweiten Teil des Buches wird Pennac gesellschaftskritisch. Er ärgert sich über die „bourgoise“ Angst des Bildungsbürgers vor dem jugendlichen Migranten aus den Vorstädten:

„Oh diese Brutalität des Mächtigen, wenn er sich zum Opfer stilisiert! Des Reichen, wenn die Armut bis an seine Haustür gelangt! (…) Des Verwurzelten, wenn er den Neubürger riecht!“, schimpft Pennac.

Was aber unterscheidet die heutige Kindheit von der früherer Jahrzehnte? Was macht es so schwer, die Kinder zum Lernen zu bringen, zu dieser Anstrengung, die keine schnelle Befriedigung verspricht? Die Instrumentalisierung zum Kinderkonsumenten, lautet eine Antwort von Pennac. Denn das Kind spiele heute dieselbe wirtschaftliche Rolle wie die Erwachsenen.

„Warum sollte er in die Schule gehen und dort seinen Obulus entrichten, wenn die Gesellschaft ihm von morgens bis abends kostenlos Wissensersatz in Form von starken Reizen und Kommunikation offeriert?“, fragt Pennac.

„Schulkummer“ empfehle ich allen Lehrern und Sozialpädagogen, Eltern, Politikern und Journalisten.

Daniel Pennac: Schulkummer
…aber es gibt keinen hoffnungslosen Fall.  
ISBN: 978-3-462-04072-2

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